Konflikt-Fetisch der Medien – oder: Wieso darf die Welt nicht auch einfach mal in Ordnung sein?

Egal ob man eine Zeitung aufschlägt, das Radio anmacht oder auf eine News-Sendung im TV zappt – eines sticht einem sofort ins Auge: die Omnipräsenz von Konflikten, Auseinandersetzungen und Anfeindungen. Mord und Totschlag, Betrug oder zumindest Ungerechtigkeiten – die Medien sind voll davon.

Eine üble Welt muss das sein, die da draussen stattfindet, im eigenen Land, im eigenen Kanton, ja gar vor der eigenen Haustüre. Nichts scheint mehr in Ordnung, die Menschen verkommen und sowieso ist alles grundschlecht.

Ist dem wirklich so? Oder tragen nicht auch die Medien selber zu eben diesem Weltbild bei, indem sie arbeiten, wie sie arbeiten?

«Ihr müsst immer auch einen Konflikt finden, irgendwas, das nicht stimmt, einen Kritiker oder sonst was Faules» – So wird es jungen Medienschaffenden beigebracht, das ist die Maxime vieler Dozenten an der Schweizer Journalistenschule. Und das nicht (nur) bei Themen, die an und für sich schon Konfliktpotenzial haben:

  • Eine Reportage über den Alltag eines Maroni-Verkäufers? Gute Idee, aber an sich langweilig. Ein Konflikt muss her, irgend ein Kritikpunkt. Vielleicht von verärgerten Detaillisten, denen der Maroni-Verkäufer den Tagesumsatz im Winter vermiest. Oder vielleicht liesse sich herausfinden, was so ein Kilo Kastanien im Ankauf kostet, um die Preise des Maroni-Verkäufers als Wucher zu entlarven. Und der Konflikt wäre perfekt.
  • Ein Artikel über ein Tunnelprojekt, das nach 30 Jahren endlich abgeschlossen wird? Klingt ganz passabel, aber der kritische Ansatz fehlt. Vielleicht lassen sich Anwohner finden, die dagegen sind, oder zumindest einer der Gegner, der zu Beginn des Bauvorhabens lautstark dagegen protestiert hat. Auch wenn es 30 Jahre zurück liegt, irgendwer liesse sich da bestimmt finden. Und der Konflikt wäre perfekt.
  • Ein Porträt über eine Frau, die aus der Karibik in die Schweiz gezogen ist und hier Karriere macht? Nette Idee, aber das reicht nicht. Ist doch verdächtig, dass jemand von der Wärme in die Kälte kommt und behauptet, nicht zu frieren. Da steckt was anderes dahinter, und überhaupt stimmt wohl die Hälfte davon nicht, was sie aus ihrer Heimat erzählt. Da gibt es bestimmt jemanden, der das wahre Gesicht dieser Frau kennt und entlarven kann. Und der Konflikt wäre perfekt.

«Good news are no news» lautet die Devise. Doch wieso eigentlich? Wer hat diese Maxime aufgestellt und was genau will man damit bezwecken?

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Es gibt durchaus Themen, die kontrovers behandelt werden können und auch müssen. Wenn Missstände da sind, die aufgezeigt werden müssen. Bei politischen Debatten, wo jedes Pro und Kontra in sich schon ein Konflikt mit sich trägt. Oder bei umstrittenen Projekten, wo der Widerstand da ist und auch öffentlich gemacht wird. In diesen Fällen steht der Konflikt als Motor für einen Diskurs, der geführt werden und von den Medien begleitet und kommentiert werden muss.

Wogegen ich mich wehre, ist der Konflikt um des Konfliktes wegen. Dieses Suchenmüssen nach möglichen kritischen Punkten, nach Gegnern, nach Konflikt, nach Streit, nach Dissens. Nur um den Lesern zu zeigen, wie unglaublich schlecht die Welt da draussen ist. Oder manchmal wohl eher: wie unglaublich mutig der Autor ist.

«Der Leser will es so», heisst es dann. Konfliktfreie Artikel würden weniger gerne gelesen. Ich frage: Ist dem wirklich so? Gibt es nicht auch Medienkonsumenten, die gerne auch «good news» lesen, hören, sehen? Eine spannende Reportage über den Alltag eines Maroni-Verkäufers, die einen bisher unbekannten Blick freigeben. Ein Artikel über das 30-jährige Tunnelprojekt, der aufzeigt, was war und was heute ist. Oder ein Porträt über die Beweggründe einer Frau, von der warmen Karibik in die kalte Schweiz zu ziehen.

Darf denn die Welt nicht auch einfach mal in Ordnung sein, auch in den Medien? Ich meine: Ja, sie darf. Und soll sogar, mindestens zwischendurch. Denn letztlich fördert dieser unnötige Konflikt-Fetisch der Medien gerade den Hunger der Leser, das schlechte Weltbild der Zeitung vom Vortag bestätigen zu wollen. Und dazu möchte ich als Journalistin nicht beitragen – jedenfalls nicht um jeden Preis.

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6 Antworten zu Konflikt-Fetisch der Medien – oder: Wieso darf die Welt nicht auch einfach mal in Ordnung sein?

  1. Pingback: Der Konflikt-Fetisch der Medien — Carta

  2. gnaddrig schreibt:

    Medien haben ja (auch) die Rolle der Enthüller. Man erwartet, dass sie recherchieren, finstere Machenschaften, Kungeleien, Interessenkonflikte usw. aufdecken, gern auch spektakulär und laut. Damit ist das Suchen und Überhöhen von (echten, eingebildeten oder sogar eigens konstruierten) Konflikten wahrscheinlich eine Art Berufskrankheit im Journalismus. Und je mehr Redaktionen auf Quote bzw. Absatzzahlen achten müssen, desto stärker dürfte der Effekt sein. So weit so gut.

    Als Medienkonsument finde ich: Wenn von der ersten bis zur letzten Zeile im Prinzip immer gebrüllt wird, hört man irgendwann nicht mehr richtig hin. Und dann gehen die Fälle im allgemeinen Lärm unter, für die es sich tatsächlich lohnen würde, etwas lauter zu werden. Die wirklichen Skandale und Konflikte, über die bescheidzuwissen wichtig wäre. Aber wenn schon jeder vom Baum gefallene Tannenzapfen zum Drama hochgejazzt wird, hat man für die echten Dramen keine Kapazität mehr. Als Medium kann man die Lautstärke der Darstellung dann kaum noch sinnvoll steigern, als Konsument hört man nur – wie immer – übertriebenen und bedeutungslosen Lärm.

    Ich denke auch, dass die Welt durchaus gelegentlich in Ordnung sein darf!

    • eigenwach schreibt:

      Den Konflikt-Fetisch kann man durchaus als eine Art «Berufskrankheit» bezeichnen; doch nicht überall ist sie gleich stark ausgeprägt. In der Redaktion, in der ich arbeite, wird glücklicherweise ein Umgang mit (vermeintlichen) Skandalen gepflegt, der die Gratwanderung zwischen Voyeurismus und Respekt auf gute Art und Weise angeht. So können die Leserinnen und Leser – denke ich – auch besser erkennen, was denn nun bedeutsam ist und was nicht. Nicht dass sie vor ständigem Gebrüll – wie Du es schilderst – irgendwann taub werden. Zu den Quoten und Absatzzahlen: Die mögen bei Gebrüll zwar kurzfristig steigen – auf Dauer aber gewinnt man, so meine Überzeugung, die Leser nur mit einem gesunden Umgang mit dem, was die Welt so hergibt.

  3. Dr. L. schreibt:

    kann man bestimmt biologistisch erklären: negative entwicklungen in unserer umwelt sind von interesse, weil sie für uns gefählich sein könnten. schon als wir noch in höhlen saßen, war es wichtiger, von bevorstehendem unwetter zu wissen, als sich über reiche brennholz-vorräte zu freuen. wenn alles gut ist, muss ich nichts tun, nichts wissen. wenn’s brennt, muss ich vielleicht was tun.

    dazu passt es, dass positives am liebsten fernab jeder relevanz berichtet wird. in der klatschpresse zur unterhaltung. auch nicht das wahre. wenn z.b. alle in freudentaumel geraten, weil irgendo ein paar monarchen heiraten, könnte man sich fast schon eine neue katastrophe wünschen, die das abstellt. (gibt ja auch genug, die keine sind.) aber vielleicht ist ja der hochzeitsjubel auch nur die grundlage für die noch viel lauteren berichte über den alsbald herbeigesehnten rosenkrieg

    • eigenwach schreibt:

      Der biologistische Ansatz hat was, wenn es wirklich «Schlimmes» zu berichten gibt. Allerdings sind nur die allerwenigsten der vermeintlichen Skandale solche, die uns existenziell betreffen oder gar bedrohen. Und darum geht’s mir. Ich bin nicht der Meinung, dass nur noch Positives berichtet werden sollte. Es gibt Situationen und Themen, bei denen Konflikte beziehungsweise Kontroverse ein Muss sind und dem Diskurs dienen. Daneben gibt es auch Themen, die gut ohne gesuchten Konflikt auskommen. Und die gehen teilweise leider unter. Ausser im Unterhaltungs- und People-Journalismus, wie Du’s bereits erwähnst – da wird die Belanglosigkeit geradezu zelebriert. Allerdings steckt hinter dieser vermeintlichen «Schönschreiberei» meiner Meinung nach auch wieder eine Art Konflikt-Fetisch; eben im Hinblick auf die – wie Du es schon erwähnst – Skandale, die nach der Schönschreiberei dann noch deftiger aufgebläht werden dürfen.

  4. Pingback: MAZ – und jetzt? Konsequenzen meiner Medien-Reflexion | das eigenwach bloggt

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