Boulevardjournalismus – oder: Wie hässliche Fratzen erträgst Du im Spiegel?

Wie erkennt man einen Boulevardjournalisten? Er trägt kurzes Haar und hat immer einen schwarzen Rollkragenpulli dabei. Der Grund: Jemandem, der aussieht wie ein Pfarrer, gibt man bereitwilliger Auskunft.

Was klingt wie ein dummer Witz ist leider keiner. Doch beginnen wir ganz von vorn:

Der Titel klang verheissungsvoll: «Boulevardjournalismus wääh? – Boulevardjournalismus yeah!» – Mit diesem Kurs am MAZ in Luzern sollte ein Bereich des Journalismus vom eher trüben wieder ins rechte Licht gerückt werden. Dachte ich zumindest …

Zugegeben, die Ausgangslage war denkbar schlecht. Nach einschlägigen Erfahrungen mit Boulevardjournalisten in meinem näheren Umfeld standen entsprechende Medien von Beginn an nicht unbedingt in meiner Gunst. Anstatt in dieser Abneigung zu verharren, wollte ich dem Boulevardjournalismus aber zumindest eine Chance geben. Vorurteile widerlegen, Berührungsängste abbauen. Vielleicht ist er ja doch besser als sein Ruf?

Ist er nicht. Im Gegenteil: Was ich an den drei Kurstagen erfahren habe, bestätigte nicht nur meine Vorurteile – es öffneten sich vielmehr Abgründe, die ich in diesem Ausmasse selbst in Momenten grösster Abneigung nicht erwartet hätte. Und auch mit einer gewissen zeitlichen Distanz zum Kurs – er fand Anfang Januar statt – stellen sich noch immer meine Nackenhaare, wenn ich daran denke. Die obige Aussage ist nur ein Bruchteil dessen, was uns der Dozent über Boulevardjournalismus zu berichten wusste. Und er musste es wissen, hat er doch langjährige Erfahrungen in Boulevardblättern der Schweiz und Deutschland gemacht.

Schreibt emotional! Setzt Personen ins Zentrum! Deckt Skandale auf! Schafft Nähe, Emotionen und nehmt kein Blatt vor den Mund! – so der Experte. Doch bei all den Anekdoten, die uns der Dozent – nicht ohne Stolz – erzählte, sind mir zwei Punkte besonders in Erinnerung geblieben. Sie gingen aus Fragen der Studenten hervor; die Antwort des Experten lauteten in etwa wie folgt:

Wie weit dürfen Boulevardjournalisten gehen? Da gibt es keine Regel. Entscheidend ist, dass man nach Feierabend noch in den Spiegel blicken kann. Die einen ertragen hässlichere Fratzen im Spiegelbild als andere.

Und rechtlich? Da gibt es einen Anwalt, für jede Seite einen. Der nicht nur abschätzt, ob was Unrechtes geschrieben/dargestellt wird, sondern vor allem: Ob man sich es leisten kann. Massstab dafür ist ein eigens für Rechtsstreitigkeiten eingerichtetes Budget.

Gegen Persönlichkeitsrechte zu verstossen gehört also zum Alltag eines Boulevardjournalisten; ja es wird für eine gute Story sogar vorausgesetzt. Und: Über das Risiko entscheidet das Geld.

Das alleine braucht meiner Ansicht nach nicht weiter kommentiert werden; es spricht Bände über das Selbstverständnis dieses Teils der Medienbranche.

Trotzdem wagte ich einen letzten Versuch, dem Boulevardjournalismus doch noch was abzugewinnen, und zwar mit der Frage: Was könnte ich von ihm lernen? Zugegeben, die Titel der Boulevardmedien sind zwischendurch sehr knackig. Auch die Schreibe ist – unabhängig vom Inhalt – ab und an nicht von schlechten Eltern: kurz, knackig, auf den Punkt. Titelsetzung könnte man also auf einer Boulevardredaktion lernen, und sich auch gleich eine verständliche(re) Schreibe aneignen.

Doch auch hier kam der Hammer sofort: Titel setzen nicht die Journalisten selber, sondern eine eigens darauf ausgerichtete Titelredaktion. Und für den Text sind in vielen Fällen sogenannte Texteditoren zuständig. Steht also ein Journi-Name unter einem Text, heisst das noch lange nicht, dass auch diejenige Person den Text verfasst hat. Erklärung des Experten: Manche Journalisten sind tolle Rechercheure, können aber nicht schreiben.

Fassen wir also zusammen:

Was ist ein Boulevardjournalist?

Ein recherchierender Detektiv,
… der mehr oder weniger grosse und mehr oder weniger interessante «Skandale» aufdeckt beziehungsweise mit Emotionalisierung erst erzeugt,
… damit Persönlichkeitsrechte verletzt oder zumindest so touchiert, dass es die Klagenkasse des Mediums noch tragen kann,
… diese dann von einem Texteditor trottelsicher schreiben
… und von der Titelredaktion möglichst emotional und reisserisch betiteln lässt.

Man soll ja bekanntlich niemals nie sagen. Und sich keine Zukunftschancen im Voraus verbauen. Keine Regel ohne Ausnahme: Denn unter den oben genannten Voraussetzungen kann ich eines mit Bestimmtheit heute schon sagen:

Ich werde nie und nimmer für Medien wie der Blick oder die BILD-Zeitung arbeiten. Für kein Geld der Welt. Eher noch werde ich PR-Schreiberin für eine Sache, hinter der ich stehen kann. Weil ich dann wüsste, wofür ich meine Seele verkauft und mein Berufsethos verraten habe.

Amen.

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36 Antworten zu Boulevardjournalismus – oder: Wie hässliche Fratzen erträgst Du im Spiegel?

  1. Muriel schreibt:

    Ich würde das tun. Nicht, dass ich stolz drauf wäre, aber ich bin halt kein besonders moralischer Mensch. Und ich kann verstehen, dass viele andere auch so entscheiden.
    Am schönsten wäre es natürlich, wenn sich die moralische Frage gar nicht stellen würde, weil die Leser solchen Kappes erst gar nicht honorieren. Weil sie aufgeklärt genug sind, das Problem darin zu erkennen, und außerdem gar kein Interesse an dem Dreck haben.
    Ist zwar auch eine Träumerei, aber wahrscheinlich einer realistischere als die, dass ethische Standards verhindern, dass ein so massiv vorhandener Bedarf bedient wird.

    • eigenwach schreibt:

      Du würdest also für die BILD arbeiten, dabei aber insgeheim hoffen, dass die Leser die BILD nicht lesen? Versteh ich nicht. Und ein so massiv vorhandener Bedarf wonach? Wenn Du magst, darfst Du mir das gerne noch genauer erklären.

      • Muriel schreibt:

        Nicht ganz. Das sind ja zwei verschiedene Sachen.
        Ich würde unter Umständen für die BILD arbeiten, so wie ich unter Umständen so ziemlich alles tun würde, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen.
        Trotzdem weiß ich aber, dass diese Zeitung Schaden anrichtet und massiv unethisch arbeitet, und deshalb wünsche ich mir (zumindest als jemand, der nicht für sie arbeitet, und das aller menschenmöglichen Voraussicht nach auch nie tun wird), dass niemand solchen Dreck lesen würde, und dass die Menschen insgesamt verstehen, wo das Problem in dieser Art von Journalismus liegt, und warum man sie nicht unterstützen sollte.
        Wäre doch schon schön, in einer Gesellschaft zu leben, in der man sich nicht regelmäßig zwischen Ethik und dem eigenen Vorteil entscheiden muss, weil sie ethisches Verhalten honoriert, und unethisches sanktioniert.

        Und ein so massiv vorhandener Bedarf wonach?

        Nach Boulevardjournalismus. Nach billigem Tränen-Blut-und-Ehebruch-Voyeurismus.

      • eigenwach schreibt:

        Achso, nun verstehe ich. Unter diesen Umständen hoffe ich für Dich, dass Du nie in die Lage kommst, für die BILD arbeiten zu müssen weil Du andernfalls brotlos auf der Strasse landest 🙂

      • Muriel schreibt:

        Ich bezweifle ja irgendwie doch auch, dass ich es könnte. Zwar wäre ich prinzipiell bereit, aber ich bekomme schon massive Kopfschmerzen, wenn ich deren Überschriften nur zufällig im Zug beim Sitznachbarn lese. Wenn ich selbst sowas schreiben müsste, würde ich wahrscheinlich irgendwann an explosivem Brechdurchfall zu Grunde gehen.
        Andererseits macht mir die Aussicht Hoffnung, dass andere in diesem Stil niederschreiben, was ich selbst auf skrupellose Art mit niederträchtigen Tricks aus Witwen und Waisen herauspresse.
        Das ginge wohl schon eher.

  2. kleitos schreibt:

    Da denke ich doch sofort an die Worte von Max Goldt zur Bild:

    „Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muß so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zuläßt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun.“

    Es ist schon erstaunlich, wie oft mir als Mitarbeiter bei der Unternehmenskommunikation bei der Bearbeitung von Anrufen der BILD dumme Missgeschicke passieren und diese aus der Leitung fliegen ;-D

  3. wschira schreibt:

    @Muriel, ich gehe mal stark davon aus, dass deine Beiträge als reine Satire gemeint sind, oder irre ich mich da?

    • Muriel schreibt:

      Du irrst dich da.

    • hardy schreibt:

      wschira, was war denn jetzt da groß mißzuverstehen?

      muriel meinte, er wäre für seinen lebensunterhalt bereit, die beine breitzumachen …. das kann man moralisch verwerflich finden (ich täte es nicht) oder sich fragen, wie wenig respekt jemand vor sich selbst haben muss, wenn er sich zum schaden anderer mißbrauchen lassen würde (das wäre schon eher was, an dem ich zu knabbern hätte) … oder es einfach für etwas provokant und nicht groß überlegt hingeworfenes halten, weil’s halt cool klingt.

      lieber muriel, denk noch mal drüber nach. bei so wenig respekt vor meiner eigenen integrität, hätte ich persönlich ziemlich probleme, meine eigene fratze im spiegel sehen zu müssen.

      vielleicht war’s ja auch nur ein bewerbungsschreiben bei kai diekmann. da gib’s, wie man sol liest, nicht viel zu lutschen: also viel spaß ….

  4. A. K. schreibt:

    Wie hässliche Fratzen erträgst Du …
    Ich habe ein Problem mit der Überschrift. Fehlt da ein Wort? Ist das ein Slang den ich nicht kenne?

    • A. K. schreibt:

      Und Hilfe 😉 mein Zufalls-Avatar ist ein symbolisiertes Hakenkreuz …
      PS: Wenn man den Artikel komplett liest und sich nicht an der Überschrift aufhängt (wie ich, weil ich nur an die Menge und nicht die Beschaffenheit der Fratzen gedacht habe) weiß man wie die Überschrift gemeint ist.

      • A.P. schreibt:

        Auch wenn sich einem nach Lektüre des Artikels erschließt, wie die Überschrift gemeint ist, ist sie dennoch sprachlich verunfallt (es kann natürlich auch sein, dass das im Schweizerdeutsch durchgeht)…

  5. kitschautorin schreibt:

    Ich möchte, wenn ich mein Studium irgendwann beende, im Journalismus arbeiten und habe gelegentlich Angst davor, später nichts zu finden. Aber für Boulevardmedien würde ich nie arbeiten – erst recht nicht, nachdem ich diesen Blogartikel gelesen habe, der mir übrigens sehr gut gefallen hat.

  6. Herr_MongoBongo schreibt:

    Hast du überhaupt schon einmal veröffentlicht? Kannst du überhaupt „mitreden“?

  7. -Schinken- schreibt:

    @kleitos
    Wunderschönes Zitat, danke dafür! Das wird glaub ich eingerahmt 😀

    @wschira
    Ich glaube nicht dass Muriel seine Antworten satirisch meinte. Er sagt doch sehr klar dass er nicht gern für die BILD o.Ä. schreiben würde, aber im Extremfall dazu bereit wäre. Allerdings etwa in dem Sinne wie quasi jeder Mensch sich unter wiedrigen, mittelalterlichen Bedingungen prostituieren würde oder als Sklave ,,leben“ könnte.

    Ich persönlich meine auch dass ich, wenn ich denn keine andere Möglichkeit hätte (GROSSES wenn), meine Moral angekettet im Fluss versenken würde. Leider…

    Was mir noch auf dem Herzen liegt ist die künstliche Unterscheidung in ,,Boulevard“-Journalismus. Wenn man etwas genauer hinsieht erkennt man dass fast(sic!) jeder Journalismus auf dieselbe Art und Weise arbeitet. Manchmal sogar um hehre Ziele zu verfolgen und vielleicht mit dem (unbewussten?) Hintergedanken: ,,Wenn uns deren Strategien so nerven können weil sie eben funktionieren und die Menschen darauf ansprechen, dann wenden wir sie eben auch an!“ Meistens allerdings mit derselben Stoßrichtung wie das, was Boulevard genannt wird, nur oftmals subtiler (oft aber nicht sehr…).

    • -Schinken- schreibt:

      Die Frage beschäftigt mich jetzt… Wiedrigkeiten, wiedrig, wiedrigen…schreib ich das richtig?

      • Reki schreibt:

        Nein, es heißt widrig. Merke : Wider = gegen etw. , wieder = nochmal.

        @Schinken: „Unter Stilisierung versteht man die Anpassung einer Gestalt oder Darstellung an einen bestimmten Stil oder die (oft schrittweise) abstrahierende Reduktion einer detaillierten oder naturgetreuen Vorlage (z. B. Zeichnung) hin zu einem einfachen Muster mit hohem Wiedererkennungswert und einfacher Reproduzierbarkeit (Vergleiche auch: Modell).“ Wenn wir also schon beim Klugscheißen sind: Imho würde einfach „es ähnelt einem Hakenkreuz“ passender sein, denn Hakenkreuze sind selber bereits ein erheblich einfacheres Muster und dementsprechend nicht wirklich stilisierbar.
        Bin mir aber auch nicht so wirklich sicher, fand‘ nur Stilisierung auch irgendwie unpassend.

        @Muriel: Eine Aufmunterung: Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass Leute, die viele Selbstzweifel haben, eher moralisch handeln, als Leute ohne(Ich glaube, es gab auch mal ne Studie dazu). In anderen Worten: Dadurch, dass du selber zugibst, du wüsstest nicht, ob du unmoralisch handeln würdest, wenn du in eine Notlage geraten würdest, ist es ironischerweise weniger wsl, dass du das tatsächlich tun würdest, als jemand, der selbiges vehement abstreitet.

        Zum eigentlichem Text habe ich nicht wirklich viel zu schreiben, außer das, was die Autorin bereits gesagt hat: Es bestätigt alle meine Vorurteile. Obwohl, von VORurteil kann ja kaum die Rede sein, wir wissen schließlich alle aus unzähligen Quellen, wie fragwürdig die Handelsweise des Boulevard ist. Es ist eher einfach nur ein Urteil.

      • Muriel schreibt:

        @Reki: Ich fürchte, du missverstehst mich.
        Ich weiß genau, dass ich unmoralisch handeln würde. Ich mach das dauernd.
        Ich weiß nicht, ob ich in der Lage wäre, solche Texte zu formulieren.

      • -Schinken- schreibt:

        @ Reki, danke für die Widrigkeiten ;-). Ich glaube allerdings dass stilisiert trotzdem irgendo am nächsten dem kommt was gemeint ist. Trotzzdem: Touché, sauber auseinandergenommen. Aber ich denke damit reichts auch, so wichtig fand ichs jetz nich :D.

  8. -Schinken- schreibt:

    Oh, hab ich vergessen, man muss ja auch mal klugscheißen: @A.K. Du meinst stilisiert und nicht symbolisiert, das Hakenkreuz IST ja ein Symbol(eig. Swastika aber das führt zu weit) 😀

  9. Pingback: Restebloggen (86) | überschaubare Relevanz

  10. user unknown schreibt:

    Von Redakteuren, Zeitungsbesitzern oder Lesern etwas zu erwarten ist romantische Spinnerei. Medien sind Waren, und müssen sich verkaufen. Zeitungen sind Waren. Redakteure sind Arbeitskräfte, und als solche Waren. Zeitungen sind Investitionen und ebenfalls Waren. Entweder man verdient mit Zeitungen mehr als mit Kartoffeln, dann investiert man in solche – sonst in jene. Kurzfristig mögen Sentimentale Besitzer-Gründer auch an nicht so rentablen Medien festhalten; langfristig stehen alle denkbaren Investitionen in permanentem Wettbewerb, und auch der Manager, der Redakteur – alle müssen sich überlegen, wie am meisten Geld zu scheffeln ist.

    Hier ist der Gesetzgeber und die Rechtsprechung gefragt, die die Kosten für Verstöße so hoch schrauben müssen, dass die meisten, die in Entscheidungen involviert sind, mehr Zurückhaltung üben. Wenn die Mehrheit der Gesellschaft meint, es solle Schluss sein mit solchen Zuständen, dann müssen sie die Spielregeln so gestalten und deren Durchsetzung betreiben. Appelle an die Moral von Arbeitnehmern, die ihren Job behalten wollen, oder von Kunden, denen man den Mund wässrig macht, scheitern immer wieder.

    • eigenwach schreibt:

      Dass es Sache des Gesetzgebers ist, der die Kosten für Verfehlungen höher schrauben müsste, stimmt wohl. Daraus abzuleiten, dass der Appell an die Moral der Redakteure eine „romantische Spinnerei“ sei, finde ich aber einwenig zu kurz gegriffen. Es ist ja nicht so, dass es nur Boulevardblätter gibt; Redakteure, die dort arbeiten, haben sich zu einem Zeitpunkt bewusst dafür entschieden – und sich gegen eine grosse Konkurrenz durchsetzen müssen. Dann zu sagen: „Du sorry, aber da bin ich jetzt, und ich kann es mir nicht leisten, auf das Gehalt zu verzichten“ – das greift zu kurz. Es gibt nachwievor nichtboulevardeske Zeitungen, die Gehälter zahlen, mit denen sich leben lässt. Insofern kann man durchaus an der Moral von Boulevard-Journalisten zweifeln – ohne gleich als „romantischer Spinner“ abgetan zu werden.

      • user unknown schreibt:

        Es ist mir schon klar, dass es Medien unterschiedlicher Ansprüche gibt. Bei einer Zeitung, die keinen Boulevard verkaufen will keinen Boulevard zu produzieren ist aber keine moralische Leistung, wie auch Bäcker für gewöhnlich keine Kriegswaffen in Krisengebiete exportieren, sondern allenfalls Waffeln.

        Ich bezeichne aber niemanden als romantischen Spinnerei, nur weil er sich einmal einer romantischen Spinnerei hingegeben hat. Das wäre eine boulevardeske Verallgemeinerung, nicht?

      • eigenwach schreibt:

        Touché, mein Lieber. Wir verstehn uns schon.

      • hardy schreibt:

        darf ich mal kurz eingreifen?

        es ist ja keine frage, ob das medium „moralisch“ handelt – es ist ja eine frage, was_ich_ tue und ob ich mir ins gesicht gucken kann oder nicht.

        ich programmiere seit ca 30 jahren, sprich, ich hatte zu einem bestimmten zeitpunkt in zeit und raum die chance, jede menge geld zu machen …. oder für meine drei mädels ein guter papa zu sein, indem ich einerseits darauf verzichte, mich in eine mühle stecken zu lassen, die magengeschwüre etc mit sich bringt – und mich anderseits zu „verkaufen“.

        ich habe also lieber den ball flach gehalten, bin selbstständig geblieben, habe kunden die ich nicht mochte, schlicht erst gar nicht angenommen und wenn mich mal einer meiner kunden um etwas gebeten hat, wo ich absehen konnte, wohin das für seine angestellten führt (bespitzelung) lieber klar gesagt: sorry, mache ich nicht.

        das ist kein _moralischer_ ansatz. ich mache das nicht, weil ich „gut“ sein will. ich will, daß es mir gut _geht_ und mich meine unterdessen erwachsenen mädels immer noch mögen, weil sie was von mir hatten.

        und vor allem: ich selbst kann mich auch noch leiden. 😉

  11. Hallo! Erst dachte ich „Wow, das könnte interessant werden“. Aber dann hab ich gesehen, dass du in deinem Beitrag leider das gemacht hast, was du eigentlich nicht wolltest: Vorurteile und Klischees bedienen.

    Ich weiß nicht, wer der Dozent war, ob er überhaupt mal im ernstzunehmenden Boulevard gearbeitet hat, wann das war und ob er sich nur wichtig tun will.

    Fakt ist: Es gibt nicht für jede gedruckte Seite einen Anwalt.
    Fakt ist: Ob Geschichten gedruckt werden, oder nicht, hängt auch nicht von den Prozesskosten ab. Meist sind die Kosten für einstweilige Verfügungen sowieso ähnlich hoch.
    Fakt ist: Es gibt definitiv keine Überschriftenredaktion. (Wenn ja, sagt mir bitte wo, ich möchte da arbeiten. Chilliger geht’s wohl kaum!)

    Klar, es gibt auch schwarze Schafe, aber die kenn ich auch von meiner Arbeit bei so genannten „seriösen Zeitungen“ und von Regionalzeitungen. Was die Sorgfalt angeht, geht es im professionellen und gut gemachten Boulevard mitunter sauberer zu (kommt drauf an, wie und wen man vergleicht).

    Am Ende bleibt nur zu sagen: Nicht jeder arbeitet gern im Boulevard, wie auch nicht jeder gern als Wissenschaftsjournalismus unterwegs ist (ich hab beides gemacht). So oder so kann man aber einiges lernen, wie du dir erhofft hast. Knackige Schreibe (die braucht man nämlich tatsächlich), hohe Belastbarkeit, gute Recherchefähigkeiten, gute Kontakte und sauberes/exaktes Arbeiten.

    Ich kann jedenfalls noch in meinen Spiegel sehen. Sieht zwar manchmal schlimm aus, liegt aber eher an meinem zerknautschten Gesicht am Morgen 😉 Und das soll auch so bleiben (auch wenn die Falten bald mehr werden).

    • eigenwach schreibt:

      Hallo zurück!

      Ich bediene in meinem Blogpost Vorurteile und Klischees, ja. Weil sie sich bestätigt haben. Leider. Der Dozent war bei beiden grossen deutschsprachigen Boulevardblättern tätig: bei BILD und Blick. Und zwar in leitender Funktion. Da gehe ich mal davon aus, dass seine Aussagen Hand und Fuss haben. Wenn Du das anders erlebt hast als wie es besagter Dozent geschildert hat: umso besser. Dann bleibt die Hoffnung, dass es auch Boulevard gibt, bei dem man was lernen kann. Und die Vorstellung gefällt mir weit besser als die Klischees.

      • Sehr schön. Ich war übrigens unter anderem auch bei BILD – deswegen bin ich so verwundert. Wie gesagt, eine Überschriftenredaktion gibt es einfach nicht. Es gucken eben Ressortleiter, Textchefs & Co. über Zeilen und Texte. Aber das sollte ja bei allen Zeitungen normal sein (und wird viel zu selten gemacht).

        Dass in den 70er-Jahren vieles schief lief, ist ja allgemein bekannt. Aber ich finde, es ist an der Zeit, man die aktuelle Medienwelt zu betrachten. Den moderenen Boulevard und was alles hinter den Kulissen der so genannten „Qualitätsmedien“ schief läuft.

        Und das erfährt man nur, wenn man die Welt der Hörsäle verlässt und mal in der Praxis Erfahrungen sammelt.

      • eigenwach schreibt:

        Kann sein, dass deutscher Boulevard anders funktioniert als der Schweizer. Als Schweizerin habe ich vor allem mit letzterem zu tun. Und dort gibt/gab es Titelredaktoren. Zum Hörsaal: Die Schweizer Journalistenschule ist berufsbegleiten und ich seit vier Jahren im Medienbusiness tätig. Keine lange Zeit, aber wohl genug, um mir zumindest in etwa ein Bild zu machen.

  12. Anna schreibt:

    Liebe eigenwach
    Ich bin gerade eben durch einen Link eines anderen Blogs auf Deine Seite gelangt. Per Zufall waren gerade eben jene Boulevardmedien, namentlich der „Blick“ Thema bei mir und meiner Vorgesetzten heute beim Mittagskaffee. Wir haben uns tödlich darüber aufgeregt, dass dieser von unserem Arbeitgeber (Staat) sogar in unserer Caféteria abonniert bereit liegt! Untragbar, dass diese niveautiefen Schmierblätter schon zum literarischen Standardrepertoir von Behörden wie der kantonalen Strafverfolgung u. ä. Abteilungen gehören. Und das selbstredend auf Kosten des Steuerzahlers! :-/ Ehrlich: Mir hauts ez denn de nuggi use! Danke für deinen Blog, ich lese ihn sehr gerne! Grüsse Anna

    • eigenwach schreibt:

      Liebe Anna, vielen Dank für Deinen Kommentar. Freut mich zu lesen, dass ich nicht die einzige bin, die sich über Boulevardmedien aufregt. Und natürlich auch, dass Du meinen Blog magst. 🙂 Liebe Grüssen, Carmen

  13. Pingback: MAZ – und jetzt? Konsequenzen meiner Medien-Reflexion | das eigenwach bloggt

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