Zürcher Journalistenpreis: Jury erweist der Branche einen Bärendienst

Zuerst hielt ich es für einen schlechten Witz eines Neiders, dann für einen Irrtum. Inzwischen vermute ich: Beim Zürcher Journalistenpreis für Alex Baur ging es nicht so sehr um den preisgekrönten Text, sondern um ein medienpolitisches Statement. Das mag wohl gut gemeint sein, ist aber schade für Baur. Und schädlich für das Image des Journalismus.

Als ich den Artikel zur Verleihung des Zürcher Journalistenpreises im Tagesanzeiger las, musste ich erst ein wenig schmunzeln. Der Journalist schreibt vom «Quäntchen Mut» der Jury, das wohl nötig gewesen sei, Alex Baur auszuzeichnen. Der Grund: Baurs Arbeitsplatz, die umstrittene «Weltwoche». Ausserdem gehöre Baurs ausgezeichneter Beitrag, das Interview mit «Carlos» auf den ersten Blick «ins anrüchige Boulevard-Fach».

Nagut, dachte ich. Da schreibt ein Tagesanzeiger-Journalist über einen preisgekrönten Konkurrenten der «Weltwoche». Dass er über die Entscheidung der Jury nicht gerade klatschen würde, schien wenig überraschend. Der vermutete Neid hinter der Formulierung der Begründung amüsierte mich. Bis ich weiter las: Baur habe laut der Jury «auf dem Weg zu diesem Interview echte Grösse gezeigt» und zwar deshalb, weil er sich von seinen bereits publizierten Schnell- und Vorurteilen gelöst habe. «Statt im Empörungsmodus harte Strafe zu fordern, lieh Baur dem jungen Mann ein offenes Ohr.» Und der Hammer zum Schluss: Baurs grosse Leistung bestehe laut Jury «im Eingeständnis seines journalistischen Fehlers».

Spätestens nach diesem Satz musste ich kurz inne halten. Was hatte ich da gerade gelesen? Dass Alex Baur dafür ausgezeichnet wurde, dass er fern von Empörung schrieb und sich einen Fehler eingestanden hatte? Gehört das denn nicht zu den Selbstverständlichkeiten im Journalismus? Sind neuerdings alle Journalisten aussergewöhnlich und deshalb preiswürdig, wenn sie nach den üblichen Qualitätsstandards arbeiten? Werde ich nun «Bäckerin des Jahres», nur weil ich einen Teig sauber herstelle und ordnungsgemäss backe?

Die Empörung ging über in Unglauben. Das kann nicht sein. Darf nicht sein. Sicherlich eine verkürzte Wiedergabe dessen, was die Jury sonst noch zu Baurs Leistung gesagt hat. Da gibt es sicherlich noch mehr, das für den Preis spricht. Viel mehr! Alleine ich hätte aus dem Stehgreif zig Gründe nennen können, wieso Baurs Text preiswürdig ist. Also musste doch eine die prominente, hochqualfizierte Jury des Zürcher Journalistenpreises das auch getan haben. Zumal sich die Juroren dessen bewusst sein mussten, dass Baur als Preisträger alleine seines Arbeitgebers wegen umstritten sein würde.

Doch ich irrte. Leider. Ein Blick auf die Laudatio nämlich zeigt: Der Tagesanzeiger hatte nur wiedergegeben, was Hansi Voigt zu Alex Baur auch tatsächlich gesagt hatte, und dabei nichts Wesentliches weggelassen. Denn mehr gab es nicht. Im Gegenteil: Die Laudatio auf Baur war noch viel zynischer, als sie sich im Tagesanzeiger zunächst las.

«Journalistische Auszeichnungen und Preise gewinnt man gewöhnlich mit Enthüllungen, grossen Reportagen, aufwendigen Recherchen oder – meist erst zu guter Letzt – fürs Lebenswerk», schreibt Voigt zu Beginn der Laudatio zwar durchaus schmeichelhaft. Baur aber gelinge hier ein Novum. Er reüssiere nämlich in einer «für die Preisträgerei eigentlich denkbar ungeeigneten» Rubrik: der Richtigstellung. Bezeichnend dazu folgt dann ein Rückblick auf Baurs anfängliche «Fehlleistung» in der Sache «Carlos», indem er nach Durchsicht des «kurzen» SRF-Porträts über Jugendanwalt Güber und «Carlos» in der «Weltwoche» doppelseitig «auf alles eingedrescht hat», was die Schweizer Kuscheljustiz mit sich bringt. Während sich Zeitungsmacher ihre Fehlleistungen lediglich mit einer Randnotiz abhandelten, habe sich Baur seinen journalistischen Irrtum offen eingestanden. Darin, so Voigt, bestehe Baurs «erste grosse Leistung».

Und schliesslich, nach einem Rückblick auf die Mediengeschichte von «Carlos», das Fazit: «Für die Offenheit und den Mut, das bessere Argument auch dann noch zu vertreten, wenn man zunächst zugeben muss, dass man sich ursprünglich geirrt hat, und zudem klar ist, dass man mehr oder weniger alleine dasteht, verdient Alex Baur grossen Respekt – und ausserdem den Zürcher Journalistenpreis 2014.»

Ich war zwar bei der Preisverleihung nicht vor Ort, vermute aber, dass an dieser Stelle der Applaus einsetzte. Ein Applaus, den ich an der Stelle von Alex Baur nicht hätte ernst nehmen – und schon gar nicht geniessen – können. Nicht, weil er nicht verdient war. Die Hände klatschten schlichtweg aus den falschen Gründen. Zwar schreibt Baur selbst in der Broschüre, dass es ihn «ganz besonders freut», den Preis für das «Carlos»-Interview zu erhalten. Hätte er gewusst, wie mager man die Preiswürdigkeit begründen würde, hätte das seine Freude womöglich geschmälert. Auf meine Frage auf Twitter, ob es noch mehr Gründe gebe für Baurs Auszeichnung, schreibt der Preisträger selber: «Beim Zürcher Journalistenpreis ist es ein wenig wie beim Vatikan: Die wahren Gründe erfährt man nie.» Und in einem anderen Tweet: «Die Begründung der Jury war ja neckisch: Ich wurde für Irrtum ausgezeichnet. Hoffentlich habe ich mich nicht erneut geirrt.» Das klingt nicht danach, als würde sich Baur aufrichtig geehrt fühlen. Und das kann man sich angesichts der mehr zynischen als wohlwollenden «Lobesrede» von Hansi Voigt nicht verübeln. 

Alex Baur wird die Schmach überstehen, keine Frage. Und vielleicht kommt ihm der fahle Nachgeschmack des Preises in seiner Rolle als «Weltwoche»-Reporter und damit Aussenseiter auch gerade Recht. Das ist gut möglich. Trotzdem bleibt die Frage: Was soll das? Wieso stützt sich die Begründung der Jury so sehr auf den Aspekt der Richtigstellung im Fall «Carlos»? Ein Blick in den Rest der Broschüre könnte da Aufschluss geben.

Der Fall «Carlos» findet nicht nur in der Laudatio für Baur Erwähnung. Auch in der Laudatio auf Simone Rau – die im Gegensatz zu Baur viel mehr auf die Qualität des Textes eingeht – wird «Carlos» als Medienthema aufgenommen. Rau habe eine «Anti-Carlos-Geschichte» geschrieben, nüchtern und unaufgeregt, heisst es da etwa.

Und bereits im Vorwort von Stiftungsratspräsident Andrea Masüger kommt der Fall «Carlos» zur Sprache. Zunächst als Indikator für die Gewichtung verschiedener Medienformen. Der Fall «Carlos» sei zwar ein TV-Ereignis gewesen, so Masüger. Die eigentliche «Aufarbeitung» aber sei im Print erfolgt. Weiter unten wird fortgeführt, was hier erst angedeutet wurde: Die Preisverleihung warte mit einigen Überraschungen auf, heisst es im Vorwort. Stiftungsrat und Jury hätten sich bemüht um einen Anlass, der «nicht nur herausragenden Journalismus auszeichnet», sondern auch – hier kommt der springende Punkt: «medienpolitisch Akzente setzt».

Der Fall «Carlos» hat nicht nur dem Jugendlichen selber und dem Image der politischen Entscheidungsträger geschadet. Spätestens seit der Analyse von Mathias Ninck im Tagesanzeiger Magazin ist klar: Auch die Medien haben hier versagt. Im Hinblick darauf und den mehrfachen Hinweis auf den Fall «Carlos» im Rahmen des Zürcher Journalistenpreises werde ich einen Eindruck nicht mehr los: Dass die Verleihung des Preises an Alex Baur mehr dem eigenen Image denn dem Preisträger selber galt. Das kollektive Versagen der Medien im Fall «Carlos» wird an Baur festgemacht. Und indem nun dessen «Läuterung» gelobt wird, will die Stiftung medienwirksam die beschmutzte Weste etwas aufpolieren. Im Sinne von: «Die Medienberichterstattung über den Fall Carlos war verwerflich. Aber hier, seht her, wir, ja WIR zeichnen das Gegenteil aus. Der Baur lag zwar am Anfang auch daneben wie die meisten von uns, aber hey, er hat letztlich die Kurve noch gekriegt.» Kurzum: Baur dient der Jury – so scheint es mir – als Reinigungsmittel für den Empörungsdreck der «Carlos»-Geschichte.

Natürlich ist es löblich, wenn man sich vom Empörungsjournalismus ab- und dem Qualitätsjournalismus zuwendet. Ein so renommierter Journalistenpreis aber sollte das eigentlich nicht nötig haben. Stattdessen hat der Zürcher Journalistenpreis der Branche einen Bärendienst erwiesen. Mit einer Botschaft, die dem Image des Journalismus mehr schadet als nützt: Dass Qualitätsjournalismus nicht die Regel ist, sondern eine aussergewöhnliche Leistung.

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