MAZ, und jetzt? – oder: Endstation Reflexion?

Meine Diplomausbildung am MAZ hat viele Früchte getragen. Eine davon ist dieser Blog. Jetzt, da ich das Diplom in den Händen habe und Rückschau halte darauf, was ich in der Zwischenzeit hier geschrieben habe, will ich mich endlich der Frage stellen, die sich als Konsequenz meiner Reflexion ergeben hat: Ist Journalismus eigentlich das Richtige für mich?

Begonnen hat alles ganz harmlos. Ich hatte schon lange mit dem Gedanken gespielt, einen eigenen Blog zu führen. Und am MAZ lernte ich eine leicht zu bespielbare Plattform kennen: WordPress. Also eröffnete ich im September 2012 meinen eigenen Wortspielwiese im World Wide Web: eigenwach.wordpress.com. «Eintritt in die Blogosphäre: Check» lautete denn auch mein erster Eintrag, bei dem ich mir viel Schreiblust und den Lesern viel Vergnügen wünschte.

Von Alltags-Fragen … 

Am selben Tag stellte ich sodann klar, was ich auf den Blog behandeln möchte: Fragen, die die Welt (nicht?) braucht. Zwei Tage später schrieb ich über absurde Songtitel, weitere vier Tage später über mein Leben als Abstinenzlerin. Es folgten Texte über Horrorfilme, die Faszination Mensch, Musik, und im November 2012 der erste Beitrag im Umfeld der Medienwelt: ein sarkastische Abhandlung über die Berichterstattung über den Felssturz in Gurtnellen.

Besagte Beiträge verzeichneten zwar nur bescheidene Klickzahlen. Trotzdem empfand ich es als nötig, in einem weiteren Blogbeitrag über die Risiken und Nebenwirkungen des Bloggens als Journalistin nachzudenken. Mit dem Thema schien ich einen Nerv getroffen zu haben: Der Beitrag wurde in der «6vor9»-Auswahl von Bildblog empfohlen, von verschiedenen Bloggern aufgenommen und rege diskutiert.

… über Medien-Fragen …

Von diesem Zeitpunkt an begann mir das Bloggen richtig Spass zu machen. Nicht (nur) der steigenden Klickzahlen in meiner Blogstatistik wegen, sondern weil mir der Dialog mit den Lesern Lust auf mehr machte.

Also entschied ich mich, meine Überlegungen künftig vermehrt auf meinem Blog zu teilen. Stoff dazu lieferte mir dabei vor allem das MAZ. Hier wurde ich mit verschiedenen Themen und Auffassungen rund um die Medienwelt konfrontiert, die mich nicht selten abstiessen. So zum Beispiel der Konflikt-Fetisch, die Äusserungen des Dozenten im Boulevardjournalismus-Kurs sowie der Kurs «Im Unglück ermitteln».

Aber auch aktuelle Themen und Berichterstattungen ausserhalb des MAZ haben mich in die Tasten greifen lassen. So beispielsweise die Rundschau mit/über Christoph Mörgeli, die Berichterstattung zum Mord von Erstfeld, das neue Medienportal Watson und zuletzt der Fall Andy Wolf.

… die Charakter-Frage … 

Im Oktober 2013 – ich hatte eben die Prüfungen am MAZ bestanden – folgte der Höhepunkt meiner medienkritischen Blogbeiträge, der gleichzeitig auch einen Tiefpunkt markierte: Die Frage, ob ich mir vom Journalismus den Charakter verderben lassen will. Tiefpunkt deshalb, weil ich zu diesem Zeitpunkt – und ich glaube, das merkt man dem Text auch an – zum ersten Mal grundsätzlich an meiner Berufsgattung zu zweifeln begann. Und Höhepunkt deshalb, weil meine bisherigen Überlegungen – so würde ich es rückblickend bezeichnen – in eben diesem Blogbeitrag gipfelten. Hatte ich bis dahin lediglich einzelne Themen innerhalb des Journalismus hinterfragt, holte ich nun zur Abrechnung mit einer ganzen Branche aus.

… und die Sinn-Frage … 

Nach der besagten «Abrechnung» wurde ich von – vor allem mir nahestehenden – Personen auf eine Wirkung meiner Blogtexte aufmerksam gemacht, die mir auf den ersten Blick nicht immer sofort klar war. «Also wenn man das alles liest, was Du da so schreibst», sagte meine beste Freundin, «muss man sich allmählich wirklich fragen, ob Du da überhaupt richtig bist, in diesem Journalismus». In gewisser Weise musste ich ihr Recht geben. Es schien tatsächlich so, als ob ich mich nach und nach von der Branche «los schreiben» würde. «Wäre ich konsequent», dachte ich mir damals für mich, «dann stünde am Ende irgendwann der endgültige Bruch».

… hin zur Zukunfts-Frage

Doch ich bin noch da, bleibe dem Journalismus treu. Zumindest vorderhand. Glücklicherweise habe ich beim «Urner Wochenblatt» ein Umfeld gefunden, in dem all die hässlichen Fratzen des Journalismus keinen Platz finden. Und doch macht mir meine Zukunft Sorgen. Ich werde nicht ein Leben lang beim «Urner Wochenblatt» bleiben, so viel steht fest. Doch wohin stattdessen? Im Laufe der Auseinandersetzungen mit meinem Berufsbild sind immer mehr mögliche Zukunftsoptionen weggefallen.

Ich weiss, was ich nicht will. Ich will keine Unglücksberichterstattung nur um der Sensationsgeilheit willen, auf keinen Fall Boulevard, keine reinen Unterhaltungsstorys, kein Bashing, keine Hetzen, keine Kampagnen, will keinen Thesen-Journalismus betreiben und auch keinen Gockel-Journalismus. Will heissen: nicht zum Blick, nicht zu 20 Minuten, nicht zu Watson, nicht zur Weltwoche, ja – wenn ich konsequent bin – nicht mal zum Tagesanzeiger.

Mal abgesehen davon, dass so schon mal ein grosser Teil möglicher künftiger Arbeitgeber für mich nicht infrage kommen, weiss ich: Das Leben ist kein Wunschkonzert. Auch und erst recht nicht im Journalismus. In Zeiten, in denen man froh sein kann, als Journalist überhaupt irgendwo arbeiten zu können, sind Rosinenpicker wie ich umso schwer vermittelbar. Dessen bin ich mir bewusst. Privilegien, so habe ich bereits geschrieben, muss man sich schliesslich erst leisten können.

Die Frage, ob Journalismus denn nun wirklich das Richtige ist für mich, hängt also nicht in erster Linie von mir ab, sondern vielmehr davon, wie sich der Journalismus in Zukunft entwickeln wird. Von der Frage, ob es für Leute wie mich noch Platz hat in der Branche. Sollte dem nicht so sein, wird (und muss!) der endgültige Bruch mit dem Journalismus für mich zur ernstzunehmenden Option werden. So sehr ich auch wünschte, es wäre anders. Verbiegen werde ich mich aber nicht. Auch nicht für meinen Traumberuf, der Journalismus für mich immer sein wird – was auch immer kommen mag.

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