Kurt W. Zimmermann über Gerigate – oder: Wenn ein Versuch zur Rechtfertigung als Fruchtsalat endet

«Tötet nicht den Boten!», mahnt Kurt W. Zimmermann die Kritiker von Gerigate – und bläst damit in ein unter Medienschaffendes beliebtes Rohr zur Selbstverteidigung, das da verheisst: Die Anderen sind auch nicht besser. Als Beweis und gleichsam Schallverstärker beigezogen wird oft die Nacktselfie-Story der NZZ. Wer aber genau hinhört, merkt schnell: Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen, um faule Pflaumen zu entschuldigen. Konsequenzen: Fehlanzeige.

«Journalisten sind als Moralisten zweimal so gut wie der Rest. Sie sind Doppelmoralisten.» So Recht Kurt W. Zimmermann mit dieser Aussage in seiner Medienkolumne der Weltwoche haben mag, so falsch sind die Vergleiche, mit denen er die These beweisen will. Noch falscher aber ist die Konsequenz, die er daraus zieht.

Fasst man die Medienkolumne von Zimmermann zusammen, kommt man zu folgender Aussage: Die Kritik anderer Medien an Patrik Müllers Veröffentlichung der Affäre Geri Müller ist scheinheilig, weil eben jene besagten anderen Medien auch schon Privatsphäre verletzt haben und/oder das von Patrik Müller losgetretene #Gerigate im Anschluss ihrerseits weiter bewirtschafteten.

Damit serviert Kurt W. Zimmermann dem Leser einen Obstsalat, der umso ungeniessbarer wird, je mehr Ordnung man in das Durcheinander der verschiedenen Früchte bringt.

Der springende Punkt in Sachen Gerigate besteht für Zimmermann nicht etwa darin, ob Patrik Müller die Privatsphäre von Geri Müller zu Unrecht «verletzt haben soll». Die seiner Meinung nach «zentrale Frage» ist vielmehr, wie viele Artikel die anderen Medien bisher über Gerigate publizierten. Deren 60 zählt Zimmermann, und er folgert daraus, «im Fach der Doppelmoral angekommen» zu sein.

Bis hierhin mag man Zimmermann noch zustimmen. Tatsächlich predigen viele Medien öffentlich Wasser – «Gerigate pfui!» –, trinken aber gleichzeitig Wein – «Gerigate hui!». Unter diesem Gesichtspunkt stellt Zimmermann zurecht infrage, ob sich die Ankläger mit der Aufnahme von Gerigate in ihren Medien nicht selber zu Mitschuldigen machten.

So weit, so gut.

Als wären ihm die 60 Artikel noch nicht Beweis genug führt Zimmermann dann Beispiele an, bei denen den besagten Medien die Privatsphäre «egal» war: die Fälle Nef, Seiler, Hildebrand und die Nacktselfie-Geschichte der NZZ. Die Vergleiche der Fälle Nef und Hildebrand mit Gerigate aber hinken, die Hinzunahme der NZZ-Story schiesst gänzlich daneben.

Zwar verbindet die Affären um Roland Nef und Geri Müller die Tatsache, dass in beiden Fällen die Medien Details aus der Intimsphäre veröffentlichten. Bei der Enthüllung zu Roland Nef stand aber ein hängiges Strafverfahren im Raum, das ein öffentliches Interesse und damit eine Verletzung der Privatsphäre rechtfertigte. Ähnlich verhielt es sich bei der Affäre um den ehemaligen SNB-Präsident Philipp Hildebrand: Hier hatte die Weltwoche handfeste Beweise für eine Verfehlung in der Hand, die eine Veröffentlichung rechtfertigten. Beide Fälle stehen aber im Gegensatz zum Fall von Geri Müller: Bei Gerigate stand der angeführte Verdacht auf Amtsverletzung von Anfang an auf wackeligen Beinen und konnte bis heute nicht erhärtet werden. Eine Verletzung der Privat- und Intimsphäre von Geri Müller konnte und kann bis heute nicht gerechtfertigt werden.

Beim Vergleich von Gerigate mit der Nacktselfie-Geschichten der NZZ  greift Kurt W. Zimmermann schliesslich gänzlich daneben. Anders als oft moniert wird, verletzte die NZZ in ihrem Artikel keine Persönlichkeitsrechte. Die besagte Sekretärin bleibt anonym, der Fall exemplarisch. Erst mit der Folgeberichterstattung anderer Medien wurde die besagte Sekretärin enttarnt, ja sogar mit Bild und Initialen genannt. Die Privatsphäre war nicht der NZZ «egal», wie Zimmermann insinuiert, sondern dem «Blick» und weiteren Medien, welche die Geschichte weiter sponnen. Indem Kurt W. Zimmermann nun ausgerechnet den Urheber einer Geschichte für die Folgen verantwortlich machen will, widerspricht er sich selber. Oder gilt hier seine Prämisse «Tötet nicht den Boten!» nur Patrik Müller, nicht aber der NZZ?

Kurt W. Zimmermann vergleicht in seiner Medienkolumne nicht nur Äpfel mit Birnen. Mit der Hinzuname der Nacktselfie-Story der NZZ als schiesst sich Zimmermann gleich selber ins Bein – und der Fruchtsalat ist komplett.

Doch damit nicht genug. Zimmermann leitet nun eine Art Gesetzmässigkeit davon ab. Sobald über ein Thema geschrieben wurde, so Zimmermann, werde es gesellschaftlich verfügbar und damit von öffentlichem Interesse, welches «letztlich jetzt jede Brandwunde im privaten Bereich» legitimiere, so Zimmermann. Kurz: «Es braucht also einen, der das Thema als Erster öffentlich macht. Dann kann sich die Meute hemmungslos darauf stürzen.»

Wer bis hierhin (zumindest einen Hauch!) von Kritik erwartet hätte, wird weiter enttäuscht. Zimmermann lässt dies nicht nur umkommentiert stehen. Nein, er legitimiert das Vorgehen geradezu als «Mechanismus der Medien». So sei es dann auch «nachvollziehbar, dass die Meute dann mitunter eine Art Schamgefühl entwickelt». Deshalb, so Zimmermann, haue die Meute auf den Türöffner ein, der den Fall ausgelöst hat, was falsch ist, weil – wie Sophokles bereits richtigerweise mahnte – «Tötet nicht den Boten.»

Mal abgesehen davon, dass sich Kurt W. Zimmermann Äpfel mit Birnen vergleicht und sich mit dem Vergleich von Gerigate mit der Nacktselfie-Story der NZZ – wie oben dargelegt – selber widerspricht, zeichnet er mit seiner Analyse ein Bild mit verheerenden Folgen. Anstatt die Doppelmoral (zu Recht!) infrage zu stellen, ernennt sie Zimmermann kurzerhand zur unausgesprochenen Regel – und legitimiert sie dadurch.

Was also will uns Kurt W. Zimmermann mit seiner Medienkolumne mitteilen? So ist es nun mal, so war es schon immer und so wird es auch bleiben? Ausser bei Patrik Müller, da ist es böse?

Wie oft man seine Kolumne auch liest; zurück bleibt ein fahler Geschmack einer faulen Pflaume, die Zimmermann hier – aus welchen Gründen auch immer – verteidigen will.

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