MAZ

Während meiner Diplomausbildung am MAZ von 2012 bis 2014 habe ich immer mal wieder Texte zu Übungszwecken geschrieben, die nicht publiziert werden. Eine Auswahl davon möchte ich euch allerdings nicht vorenthalten – zur Belustigung, zum Nachdenken oder einfach nur so.

Fünf-Wörter-Geschichten:

Im Kurs «Schreiben, hobeln, glänzen» bei Gisela Widmer mussten wir eine Geschichte über eine Person schreiben, in denen folgende Wörter vorkommen:

Salzbrezel, Ente, Betonmischer, Schnee und Feuer.

Noch siebenunddreissig Stockwerke, dann würde sie sterben. Die schwarze Kapuze tief ins Gesicht gezogen betritt Anna den Lift. Sie ist alleine. Nur sie, der Lift, die Knöpfe und vier verspiegelte Wände. Im Spiegel blinzelt Anna ihr eigenes Antlitz entgegen. Ihre Augen glänzen, kleine Tropfen verbinden einzelne Wimpern zu einem nassen Teppich. Tränen. Ja, Anna hatte geweint. Lange geweint. Und heftig. Doch damit ist nun Schluss.

Anna richtet ihre geröteten Augen entschlossen auf die Anzeige im Lift. Erster Stock. Nicht mehr lange, und sie würde erlöst. Erlöst von ihrem Leiden, erlöst von all dem Schmerz, erlöst von – ihm. Fünfter Stock. Schon wieder war sie schwach geworden, schon wieder im selben Lokal. Der selbe Fehler, immer wieder. Zehnter Stock. Wie konnte sie nur? Sie hätte widerstehen müssen! Vierzehnter Stock. Sie war so kurz davor, von ihm loszukommen. War in der Klinik, hat sich entgiften lassen, sich die Seele aus dem Leib gekotzt. Und wieder in der Klinik, wieder Entgiftung, immer und immer wieder. Zwanzigster Stock. Eine elende Säuferin hat man sie geschimpft. Sie hatten Recht. Dreiundzwanzigster Stock. Soll sie sich doch zu Tode saufen, hat man gesagt. Sie sollten Recht behalten. Neunundzwanzigster Stock. Diesmal nämlich meint sie es ernst. Anna ist fest entschlossen, Feuer und Flamme für den Gedanken, sich zu erlösen. Dreiunddreissigster Stock. Sich von ihm. Die Welt von ihr. Fünfunddreissigster Stock. Ein. Für. Alle. Mal. Siebenunddreissigster Stock. Endstation. 

Anna verlässt den Lift. An der Brüstung blickt sie nach unten. 120 Meter in die Tiefe. Eine todsichere Sache. Sie blickt auf die Stadt. Die Stadt, die ihr so viel Leid zugefügt hat. Sie nachts verschlungen und am nächsten Morgen geschunden wieder ausgespuckt hat. Diese Stadt liegt ihr nun zu Füssen. Anna fühlt nichts. Sie lauscht. Den brummenden Autos, dem Bimmeln der Strassenbahn, dem Hupen der Taxis. Dumpf schallen die Geräusche die 120 Meter hoch zu Anna. Im Schlepptau der Geruch von Abgasen, Fäkalien und Beton. Gleich unter ihr erblickt sie einen Betonmischer. Er giesst heisse, schwarze Masse auf die Strasse. Würde Anna nun springen, sie würde auf einem flüssigen Betonteppich landen. Mit ihm verschmelzen. Der Strasse ihren Stempel aufdrücken. Der Stadt einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Mit Haut. Und Haar. Und Blut. Und Gedärmen.

Ein lautes Flattern reisst Anna aus ihren Gedanken. Eine Ente hat sich zu ihr verirrt und liegt erschöpft mit einem gebrochenen Fuss auf der Terasse. Anna  öffnet ihren Rucksack, kramt eine Salzbrezel hervor. Die würde die Ente nun mehr brauchen als sie, die bald nicht mehr sein würde. Anna schaut die Brezel an: Sie ist goldig-braun gebacken und zu einer Herzform hin geknotet. Ein Herz für die Ente, der Tod für sie. Anna lächelt. So oft hatte sie sich diesen Moment vorgestellt, die letzten Minuten vor dem Sprung sich ausgemalt. Die letzten Gedanken. Das letzte Stossgebet. Die letzten Tränen der Reue, Freude und Trauer. Dass sie als letzte Handlung ihr trockenes, krümeliges Herz an eine Ente verfüttern würde – damit hätte Anna nicht gerechnet.

Nun ist die Zeit gekommen. Anna streift ihre Kapuzenjacke ab. Legt sie um die Ente. Klettert auf die Brüstung. Ein letzter Blick nach unten. Anna lässt sich fallen. Noch siebenunddreissig Stockwerke, dann ist Anna tot.

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Eine Aufgabe im Kurs «Schreibwerkstatt» bei Angelika Overath lautete ähnlich: Schreibt eine Geschichte zu fünf (vorgegebenen) Wörtern, die nicht zusammenpassen.

Zu Seepferdchen, Seidenstrumpf, Landebahn, Grammatik und Röstiraffel:

Sensationelle Neuentdeckung auf Madeira
Meeresbiologen haben vor wenigen Tagen auf Madeira eine neue Gattung Seepferdchen entdeckt. Sie sind zirka zehn Mal so gross wie ihre Artgenossen und fallen durch ein besonderes Merkmal auf: Sie tragen Seidenstrümpfe über ihren Rüsseln. Aufmerksam geworden auf die neue Spezies waren die Forscher bei ihrem Anflug auf Madeira. Als das Flugzeug die Landebahn ansteuerte, eröffnete sich unter ihm der Blick aufs Meer. Dort tummelte sich eine Seidenstrumpfseepferdchenfamilie nahe der Küste. Für die Einheimischen aber scheint der Fund weniger spektakulär zu sein, wie ein Reporter vor Ort berichtet. Obwohl der Deutschen Sprache und Grammatik nicht mächtig, so hätten die Einheimischen im Gespräch doch eines sehr deutlich von sich gegeben: «Seepferdchen, mit Röstiraffel schnippschnapp, lecker!» Die Meeresbiologen sind entsetzt. Sie fordern den portugiesischen Tierschutz auf, die Seidenstrumpfseepferdchen unverzüglich auf die Liste der geschützten Meerestiere aufzunehmen.

Zu Bernhardiner, Fleischthermometer, Mozart, Achterbahn und Ananas:

Die Schweizer Vereinigung abstinenter Vegetarier (SVAV) ist entsetzt. Immer wieder würden schweizer Symbole und Haushaltsgeräte für die Huldigung von Alkohol- und Fleischeslust missbraucht. «Zum Beispiel der Bernhardiner, der arme Köter, muss ständig Schnaps in seinem Fässchen umherschleppen», führte SVAV-Zentralratspräsident Konrad Zwiebelau aus. An ihrer Delegiertenversammlung von gestern Freitag, 31. Juli, präsentierte die Vereinigung nun ihre neuste Erfindung: Statt Schnaps soll der schweizer Symbolhund künftig Schokolade im Fässchen mitführen. Da die Körpertemperatur des Bernhardiners die Schokolade stets zum Schmelzen bringe, sei das Rettungsmittelchen der Zukunft nicht nur nahrhafter, sondern auch wärmender als Schnaps. Mehr noch: Das Schokofondue in Verbindung mit Früchten wäre dazu auch noch vitaminhaltiger. Konrad Zwiebelau machte die Probe aufs Exempel. Er schnitt eine Ananas in mundgerechte Stücke, steckte sie an einen Spiess und goss die geschmolzene Schokolade aus dem Bernhardiner-Fässchen darüber. Wer zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen will, könne als Spiess gerne auch ein Fleischthermometer verwenden. «Damit dieses Gerät endlich davon erlöst wird, in warmem Fleisch herumstochern zu müssen», so Konrad Zwiebelau. Die neue Erfindung der SVAV stösst bei den Gegnern auf Unverständnis. Peter Konizki vom schweizerischen Verband der Biergrillmeister (SVBGM) meint auf Anfrage: «Das wäre, als würde man probieren, Mozart auf eine Achterbahn zu setzen. Absurd!»

2 Antworten zu MAZ

  1. nadar schreibt:

    Den größten Fauxpas finde ich den Betonmischer, der *heiße, schwarze Masse auf die Straße* gießt.
    Ansonsten nette Fingerübungen. 🙂

  2. Aber – fehlt da nicht der Schnee?

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