Roger Köppels Gang in die Politik: eine Enttäuschung auf mehreren Ebenen

Hatte ich heute Vormittag noch an eine Ente geglaubt, kam bald darauf die Bestätigung im Live-Ticker aus der Medienkonferenz: Roger Köppel will in den Nationalrat. Die Meldung traf mich wie ein Schlag, die Enttäuschung ist gross. Über Köppel, vor allem aber über mich selbst.

Mehr Politiker als Journalist, Hofberichterstatter, Co-Ideologe und Propagandist der SVP: Die Meinungen zu Roger Köppel und seiner Weltwoche waren in meinem Umfeld, vornehmlich in Journalistenkreisen, schon lange gemacht. Nicht aber meine.

Ich las die Weltwoche anders. Nicht als Streitschrift, die alleinige Deutungsmacht für sich beansprucht. Sondern als ein Angebot unter mehreren – nicht mehr und nicht weniger. Entsprechend unaufgeregt las ich jeweils das Heft, liess mich bereichern von Sicht- und Deutungsweisen, die ich andernorts nicht lesen konnte. Und wunderte mich, wie sehr sich andere über die Weltwoche empörten; als fühlten sie sich persönlich angegriffen. Offenbar nahm ich damit die Weltwoche nicht ganz so ernst wie die meisten meiner Kollegen.

Köppel hingegen nahm ich sehr wohl ernst; jedoch nicht als politischen Akteur, der mit seinem Blatt eine politische Agenda verfolgt. Sondern als Journalist, der in der Weltwoche ein Gefäss dafür gefunden hatte, was er gerne tat: das Spiel mit Gedanken, Argumenten, Positionen.

So verstand ich denn auch jeweils seine Editorials: als Gedankenexperimente, als Deutungsangebote aktueller Geschehnisse, nicht als politische Statements, die er für allgemeingültig hielt. Dafür schien mir Köppel als zu intelligent, zu flexibel im Geist, zu spielerisch im Umgang mit Argumenten. Dieser Mann, so mein Eindruck, kann jede Position einnehmen und argumentativ vertreten. Eine Gabe, die einen guten Journalisten auszeichnet. Weil er sich dann nicht für oder gegen eine Sache gemein macht. Sondern einem Thema mit wirklichem Interesse, einer gewissen Demut und offen entgegentritt. So deutete ich schliesslich auch seine Mimik bei öffentlichen Auftritten am Fernsehen. Das unverkennbare Lächeln, das Köppel stets auf den Lippen trug und so manch einen zur Weissglut trieb, strahlte für mich eben diese intellektuelle Überlegenheit aus; Köppel schien sich darin zu gefallen, eine klare Position so überzeugend vertreten zu können, dass seine Kontrahenten daneben meist alt aussahen. Berechnend? Arrogant? Überheblich? Ja. Aber nicht der Position, sondern der Sache, des Argumentierens wegen.

Ähnlich verstand ich auch die Weltwoche und deren Inhalte auch anderer Autoren: als alternativen Lesestoff, der oft gerade deswegen bereichernd war, weil er anders war, das Spektrum der möglichen Deutungen öffnete. Ein Beitrag zur Vielfalt, kein politisches Statement.

Kurzum: Ich sah Köppel nie als berechnender Propagandisten, sondern als Intellektuellen mit einer schon fast kindlichen Freude am Spiel mit Gedanken, Positionen, Argumenten. Und seine Weltwoche als Alternative der Meinungsvielfalt willen – ein meiner Meinung nach eigentlich urjournalistischer Ansatz.

Doch ich irrte. Offenbar. Der Köppel, wie ich ihn sah, würde nie in die Politik wechseln, schon gar nicht in die Parteipolitik. Zu eng der Horizont dort, zu wenig Freiheit im Denken. Nun tut er es trotzdem. Gibt damit all denen Recht, die ihn in der Vergangenheit als SVP-Propagandist verschrien haben. Und straft mein Bild von ihm Lügen.

Das ist bitter. Sehr bitter.

Ich kenne Köppel nicht persönlich. Das Bild, das ich mir von ihm gemalt hatte, entsprang allein meiner Deutung, meiner Fantasie – ja vielleicht auch meiner naiven Hoffnung auf einen Journalisten, der seinen Beruf ehrt wie kaum ein anderer. Diese Hoffnung ist nun hinüber, Köppel hat sie verraten. Ihm kann ich jedoch keinen Vorwurf machen. Es wird ihn auch kaum kümmern, dass er das Bild zerstört hat, das eine naive junge Journalistin von ihm hatte. Weil es letztlich nicht seine Ideale waren, die er verraten hat, sondern meine.

Die Enttäuschung aber bleibt. Über Köppel. Aber vor allem auch über mich und meine Naivität – das allerbitterste an der ganzen Geschichte.

Auf dass ich daraus lernen möge!

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