Faszination Mensch

Wir Menschen sind schon eigenartige Wesen. Und merkens meist gar nicht.

Wir setzen uns in ein Café, eine meist wahllose Anreihung von Tischen, einem Büffet und einer Küche mit Getränken und Nahrungsmittel, die nicht die unsren sind, hergestellt und geliefert von Leuten, die wir nicht kennen. Dann sitzen wir da, alleine, trinken unser Kaffee, essen unseren Salat und starren abwechselnd in die Zeitung und in die Leere. Da sitzen, trinken und essen auch andere Artgenossen. Wir kennen die zwar nicht, sprechen nicht mit ihnen, weichen den Blicken aus – und können doch nicht ohne sie. Es muss immer auch andere Menschen im selben fremden Raum geben, die die selben Dinge tun. Trinken, essen, ins Leere starren.

Der Mensch ist ein soziales Wesen, gerne unter Artgenossen. Wie absurd das bei genauerem Hinschauen ist, zeigt sich ganz besonders im Nachtleben.

Während sich die Café-Szene noch so halbwegs mit der rohen, asozialen Natur des Menschen erklären lässt – wir müssen schliesslich Flüssigkeit, Nahrung zu uns nehmen – wird das im Nachtleben schon etwas schwieriger.

Da sind wir nämlich, schön zurecht gemacht in einem Nachtlokal, zu einer Zeit, in der wir normalerweise längst schlafen, uns für den nächsten Tag erholend stärken. Wir stehen da, gedrängt an Körper fremder Artgenossen, beleuchtet von flinmernden Lichtern. Musik dröhnt aus den Lautsprechern. Musik, die uns nicht gefällt und die wir zuhause selber nie hören würden. Und doch bewegen wir uns dazu, mit der fremden Masse, deren Teil man unweigerlich geworden ist. Wir blicken um uns, sehen all die fremden Gesichter im dunkeln Raum, riechen fremde Ausdünstungen, spüren fremde Arme, Bäuche, Hintern. Wir sind alles lauter Fremdkörper, gepfercht in einen Raum – und wissen eigentlich gar nicht so recht, was wir hier eigentlich tun. Nur um uns dann von der fremden Masse zu lösen und nachhause zu gehen – bis zur nächsten Gelegenheit.

Tiere tun sowas nicht. Sie gehen nicht in ein Café, treffen sich nicht in Nachtlokalen, formieren keine fremde Tanzmasse. Und würden sie es tun, wir würden uns wundern. Würden es nicht verstehen, uns fragen: Wie kann man nur? Wieso tun die das?

Ja, wie können wir nur? Wieso tun wir das? Wir wissen es nicht. Sind uns selbst ein Rätsel.

Und dann stehe ich da, mitten unter Artgenossen im viel zu dunklen Raum, bedröhnt von Musik, bedrängt von fremden Körpern, halte einen Moment lang inne und – beginne zu lachen. Laut, von Herzen, erlösend.

Faszination Mensch. Was gibt es herrlicheres?

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2 Antworten zu Faszination Mensch

  1. Muriel schreibt:

    Hm. So besonders rätselhaft finde ich das gar nicht. Also, aus der Distanz.
    Wenn ich dann versuche, mich selbst in einen Menschen hineinzuversetzen, der sowas macht, dann muss ich schon sagen, dass ich es nicht begreife, aber so abstrakt gesehen leuchtet mir das alles irgendwie ein.

  2. Sehr schöner Text, den ich gerade in einem Café sitzend lese. Keine Zeitung, nur Bildschirm. Und Leere. Das mit den „Nachtlokalen“ lässt sich aber auch prima mit natürlichen Trieben erklären. Es geht darum, einen Artgenossen zur Paarung aufzustöbern. Da wir Menschen uns unserer natürlichen Triebe schämen und gerne alles mögliche institutionalisieren, gibt es diese Orte und diese Verhaltensweisen.

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