Musik – das ewige Geheimnis

Musik ist für mich das am schwersten fassbare Mysterium überhaupt. Mal abgesehen davon, dass ich nie wirklich verstehen werden/will, wie Musik funktioniert – und kommt mir bloss nicht mit irgendwelchen Schallwellen, welche die feinen Härchen in meinem Ohr zu Schwingungen und deshalb mein Hirn zur Wahrnehmung von Tönen bringt! – viel faszinierender noch ist die Tatsache, was Musik auslösen kann, welche Gefühle, welche innersten Empfindungen sie hervorrufen kann.

«Musik schliesst dem Menschen ein unbekanntes Reich auf, eine Welt, die nichts gemein hat mit der äusseren Sinnenwelt, die ihn umgibt und in der er alle bestimmten Gefühle zurücklässt, um sich einer unaussprechlichen Sehnsucht hinzugeben.»
Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, deutscher Schriftsteller, (1776-1882)

Dass gerade ein Schriftsteller der Romantik so über Musik schreibt, verwundert wenig. Musik hat etwas durch und durch Romantisches. Sie knüpft direkt an unsere Sehnsüchte, Hoffnungen, vermittelt ein derart einzigartiges Gefühl der Einheit, der Verschmelzung mit der Welt. Wie oft lief ich schon durch die Stadt, genährt durch die Musik aus meinen Ohrstöpseln, abgekapselt von der Aussenwelt, und wünschte mir, dass alle Welt nun dieselbe Musik hören würde wie ich. Sie wäre geeinigt, würde dasselbe empfinden, endlich verstehen, einsehen, einfühlen, wissen.

Und trotz- oder gerade deswegen macht sie einsam. Als vermeintliche allgemeingültige Sprache bleibt sie schliesslich doch irgendwo zwischen Ohrmuschel, Gehirn und Aussenwelt stecken. Denn wollen wir sie teilen, kommen wir an unsere Grenzen. Denn das Gegenüber hört anders hin, empfindet anders, hat andere Musik, die sein ganz eigenes Leben begleitet. Und wäre es tatsächlich möglich, der ganzen Welt «meine» Musik abzuspielen, gewissermassen auf überdimensionalen, weltumspannenden Lautsprechern, so würde doch nur ich so hinhören wie ich es tue, nur ich das hören, was ich höre. Dasselbe würde wohl auch für andere Musik gelten, gespielt über die Weltlautsprecher.

Deutlich zeigt sich das an Konzerten. Die Band betritt die Bühne, vor ihnen eine versammelte Menge an Leuten. Sie alle kennen sie die Musik, haben schon davon gehört oder erhoffen sich eine neue Entdeckung. Doch obwohl da von der Bühne dasselbe in die Ohrmuscheln der Menschen dröhnt, so ist da doch wenig Verbindendes in dieser Meute. Sie hören zwar dieselbe Musik, und doch hören sie nicht dasselbe, fühlen nicht dasselbe, ja verstehen nichtmal dasselbe.

Musik bleibt also Privatsache. Ein für alle Mal. Genau so wie es Privatsache der berühmten «Frau am Fenster» auf dem Gemälde des Romantik-Künstlers Caspar David Friedrich bleibt, was genau sie da draussen sieht, worauf sie wartet, wonach sie sich sehnt. Das einzig sichere scheint, dass sie etwas sieht, auf etwas wartet, sich nach etwas sehnt. Das ist letztlich das einzige, was wir von Menschen annehmen können, die Musik hören. Sie hören Klänge, hören hin, empfinden – was genau, das bleibt ihr Geheimnis.

Man stelle sich nur den Frust eines Musikers vor, der da oben steht, auf der Bühne, seine – ja wirklich seine – Musik spielt, wohl wissend, dass sie niemals so ankommt, wie er sie aussendet. Da schunkeln Menschen zu seiner Melodie, singen seine Zeilen mit – und bleiben ihm trotzdem fremd. Da lagern seine CDs, Platten oder Musikfiles in den Regalen und Computern in aller Welt, und doch vermag er keinen einzigen Hörer zu verbinden.

Da schätze ich mich als reine Musikkonsumentin glücklich. Ich kann weiterhin meine Musik hören, sie für meine Welt halten, mit Ohrstöpseln in der Stadt flanieren und die Welt vereinen wollen mit meiner Musik – und mir diese Illusion aufrecht erhalten, solange ich sie nicht in die Tat umsetze. Ein Glück, dass Weltlautsprecher noch nicht erfunden wurden!

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Eine Antwort zu Musik – das ewige Geheimnis

  1. Bernd Willimek schreibt:

    Musik und Emotionen
    Das größte Problem bei der Beantwortung der Frage, wie Musik Emotionen erzeugt, dürfte die Tatsache sein, dass sich Zuordnungen von musikalischen Elementen und Emotionen nie ganz eindeutig festlegen lassen. Die Lösung dieses Problems ist die Strebetendenz-Theorie. Sie sagt, dass Musik überhaupt keine Emotionen vermitteln kann, sondern nur Willensvorgänge, mit denen sich der Musikhörer identifiziert. Beim Vorgang der Identifikation werden die Willensvorgänge dann mit Emotionen gefärbt. Das gleiche passiert auch, wenn wir einen spannenden Film anschauen und uns mit den Willensvorgängen unserer Lieblingsfigur identifizieren. Auch hier erzeugt erst der Vorgang der Identifikation Emotionen.
    Weil dieser Umweg der Emotionen über Willensvorgänge nicht erkannt wurde, scheiterten auch alle musikpsychologischen und neurologischen Versuche, die Frage nach der Ursache der Emotionen in der Musik zu beantworten. Man könnte diese Versuche mit einem Menschen vergleichen, der einen Fernsehapparat aufschraubt und darin mit einer Lupe nach den Emotionen sucht, die er zuvor beim Ansehen eines Films empfunden hatte.
    Doch wie kann Musik Willensvorgänge vermitteln? Diese Willensvorgänge haben etwas mit dem zu tun, was alte Musiktheoretiker mit „Vorhalt“, „Leitton“ oder „Strebetendenz“ bezeichnet haben. Wenn wir diese musikalischen Erscheinungen gedanklich in ihr Gegenteil umkehren (der Ton strebt fort – ich will, dass der Ton bleibt), dann haben wir im Prinzip den Willensinhalt gefunden, mit dem sich der Musikhörer identifiziert. In der Praxis wird dann alles noch etwas komplizierter, so dass sich auch differenziertere Willensvorgänge musikalisch darstellen lassen.
    Weitere Informationen erhalten Sie über den kostenlosen Download des E-Books der Universität München „Musik und Emotionen – Studien zur Strebetendenz-Theorie“.
    Bernd Willimek

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