Ich leide, also bin ich – oder: Wozu eigentlich Horrorfilme?

Eigentlich ist es immer dieselbe Tortur – und doch setze ich mir ihr mehrfach wöchentlich aus: Horrorfilme. Einundvierzig Exemplare stehen bereits im DVD-Regal, und jeder von ihnen erzählt dieselbe Leidensgeschichte:

Der Name, das Cover, das Hörensagen verspricht: Gruselfaktor hoch, Gänsehaut garantiert. Der Griff zur DVD ist bestimmt, der Optimismus an der Ladenkasse ungebrochen. Zuhause angekommen offenbaren sich unter der Plastikfolie auf der Rückseite immer dieselben Geschichten: ein Spukhaus wird erforscht, ein Road-Trip endet fatal, oder ein Kind berichtet über eigenartige Erscheinungen. Horrorfilme mit Kindern mag ich ja besonders. Vielleicht auch deshalb, weil ich spätestens dann, wenn die DVD im Lesegerät verschwindet, zum Kind werde. Das Menü zeigt einen Zusammenschnitt dessen, was mich erwartet. Ein letztes Mal schiessen mir die immer gleichen Kritiken von Rezensionsmagazinen auf dem DVD-Cover in Erinnerung: Fesselnd soll er sein, packend, schockierend, ein «Muss für alle Horrorfans» oder gar ein «nie dagewesenes Erlebnis puren Grauens». Der Play-Button einmal gedrückt, gibt es kein Entrinnen mehr.

Gespannt verfolge ich die Geschichte, stets ahnend, dass bald Böses geschehen wird. Dabei kann man die Schockmomente ja meist gar nicht verpassen, selbst wenn man möchte. Musik – immer diese verdammte Musik! – deutet an, dass der Schrecken nahe ist. Ich drehe mich ab, suche die Nähe zu meinem Freund, lehne an seine Brust, halte mir die Hand vor die Augen und schiele durch die Lücke zwischen den Fingern auf das Geschehen. So kann ich zwar sehen, was passiert, doch die Hand zwischen mir und dem Bildschirm beruhigt – zumindest ein wenig. Wenn es dann so weit ist, die Musik ihren Höhepunkt erreicht hat und der Schockmoment meist blitzartig und doch unerwartet eintrifft, kann ich mich dann doch nicht mehr entziehen. Mein Körper zuckt zusammen, wie ein Hampelmann schiessen Arme und Beine in die Höhe, nur das Gesäss bleibt am Sofa kleben. Mein Herz rast, klopft bis zum Hals. «Verdammte Scheisse!», seufze ich. Der Film geht durch Mark und Bein, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich beschliesse, den Film von nun an nur noch durch die Spiegelung am Wohnzimmerfenster weiter zu verfolgen. Das bringt mehr Distanz als die Hand vorm Gesicht – schliesslich wirkt das Bild so verschwommen, nicht mehr ganz erkennbar. Und wo ich so daliege, an meinen Freund gedrückt, den Blick vom Bildschirm abgewandt, auf die Lippen beissend und leise «Ich hab‘ Angst!» wimmere, frage ich mich:

Wieso zum Geier tu‘ ich mir das eigentlich an? Ich leide. Ja, das tue ich wirklich. Eigentlich will ich das alles gar nicht sehen, nicht noch einmal zusammenzucken, nicht noch einmal vor Spannung fast zerbersten, nicht noch einmal das Herz bis zum Halse schlagen hören. Und doch schaue ich weiter. Wieso?

Gefällt mir dieses Leiden? Mag ich es, nicht zu wissen, wann der nächste Schocker kommt, aber zu wissen, dass er kommt? Eine Art kontrollierter Kontrollverlust? Nach rund 90 Minuten ist der Spuk ja meist vorbei, der Abspann bringt Erlösung. Und man weiss ja, dass das, was man gerade sah, nicht wahr ist. Erfunden ist. Erfundener, kontrollierbarer Schock, der einem in einem zeitlich abgegrenzten Rahmen an seine Grenzen bringt? Vielleicht.

Angst ist das existenziellste Gefühl, das ich kenne. Man spürt sich selber kaum mehr als in Momenten der Angst. Und der Körper reagiert selten extremer als in Situationen, in denen er sich fürchtet, erschrickt, geschockt wird. Werden Horrorfilme deshalb zum Ventil, zum Auslöser des Sichselberspürens? Eine Art Autoaggression, die schadenlos angewandt und überstanden werden kann? Horrorfilme als Massnahme, sich nach einem tauben Alltag endlich wieder lebendig zu fühlen?

Ich weiss es nicht.

Ginge es nur um den Unterhaltungswert, den ein Horrorfilm bestimmt auch hat, gäbe es beileibe leidlosere Alternativen. Eine süffig-leichte Komödie beispielsweise, ein herzerweichendes Drama – oder aber man lässt sich von einem Dokumentarfilm berieseln. Stattdessen werde ich auch beim nächsten Griff ins DVD-Regal wieder einen Horrorfilm in den Händen halten, ihn angsterfüllt ins Lesegerät schieben und mich dem Leiden aussetzen. Bis ich mich nach 90 Minuten zum zweiundvierzigsten Mal frage:

Wieso zum Geier tu‘ ich mir das eigentlich an?

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2 Antworten zu Ich leide, also bin ich – oder: Wozu eigentlich Horrorfilme?

  1. nik schreibt:

    Tja, gute Frage. Zumal bei solchen Filmen die Rahmenhandlung fürgemein sehr mau ist. Da halte ichs doch lieber mit einem Politthrillern oder einem guten (!) Kriminalfilm, wie bspw. die Original-Millenium-Reihe. Die wird auch nach mehrmals gucken nicht langweilig. Horror-, Splatter- und andere rein pulstreibende Filme sind für mich Zeitverschwendung.
    Übrigens gilt auch das Gegenteil: Es gibt auch durchaus sehr viele schlechte Komödien da draußen. Die man auch nicht gucken muss, wenn ein voraussehbarer Plot eine langweilige Geschichte erzählt, die mit einer Reihe fragwürdiger anal- und sexualfixierter Späße komödiantisch aufgewertet werden soll. Da hilft frühzeitig abzuschalten, statt sich durch 90 Minuten fremdschämen zu müssen.

    • eigenwach schreibt:

      Die Rahmenhandlung bei Horrorfilmen ist mau, da gebe ich Dir Recht. Auch kann man hier meist die Geschichten an einer Hand abzählen; sie werden bloss in tausendfacher Ausführung anders umgesetzt. Trotzdem finde ich Horrorfilme gegenüber Thrillern spannender beziehungsweise fesselnder, weil da immer etwas mitspielt, was uns Menschen wohl grundsätzlich Angst macht: Das Übernatürliche. Für Dich sind rein pulstreibende Filme Zeitverschwendung. Das kann ich verstehen, liegt aber wahrscheinlich daran, dass wir unterschiedliche Ansprüche an einen Film haben. Filme sollen meiner Meinung nach unterhalten; da von Zeitverschwendung zu sprechen macht also per se keinen Sinn. Will man einem Film einen konkreten Nutzen abgewinnen, der über die Unterhaltung hinaus geht, kann man ihn hinterher, bei Nichteintreten des versprochenen Nutzens, als Zeitverschwendung bezeichnen.

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