Journalismus nur für Privilegierte? – Oder: Ideale muss man sich erst leisten können

Mehr «good news» und weniger Eitelkeit im Journalismus – was Hans Leyendecker und Ulrik Haagerup dieser Tage propagierten, macht Mut. Und dürfte dem einen oder anderen Nachwuchsjournalisten Hoffnung geben. Doch mit der Hoffnung ist es schnell vorbei, wenn sie auf die Realität der Generation Praktikum trifft.


Journalismus dient der Aufklärung. So weit so bekannt. Doch klären wir wirklich auf? Stellen wir Dinge klar? Hans Leyendecker von der Süddeutschen Zeitung setzt ein grosses Fragezeichen dahinter. Er sprach kürzlich am Recherchetag der Journalistenschule MAZ in Luzern. Oftmals baue Recherche auf einer Verdachtsberichterstattung auf, sagte Leyendecker. Als Beispiel nannte er die Berichterstattung rund um den ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff: Die Medien hätten den Prozess zu ihrem eigenen Zweck inszeniert. Und obwohl sich inzwischen herausgestellt hat, dass an den Vorwürfen wenig dran ist, treten sie noch immer auf Wulff ein.

Wenn Vorurteile auf Eitelkeit treffen
Die Gründe dafür sieht Leyendecker sowohl bei den Journalisten als auch bei den Lesern. Das Publikum wolle meist nur seine Vorurteile bestätigt sehen. Leser würden immer mehr mit dieser Einstellung an Geschichten gehen: überall Übeltäter und Schufte. Und es werde immer schwieriger, Leute zu finden, die etwas lesen, sehen oder hören wollen, das ihre Vorurteile widerlegen könnte. Dass die Journalisten ihrerseits dieses Spiel mitmachen, liegt laut Leyendecker an der Eitelkeit der Medienbranche. Viele Journalisten betrieben Recherche zum Selbstzweck; wollen gross rauskommen, Helden sein. Aufmerksamkeit sei zur neuen Leitwährung geworden, die Sucht der Journalisten nach Anerkennung nehme überhand. So sei immer mehr festzustellen, wie die Medien sich ständig versichern, wie wichtig sie sind und dass es sie noch gibt. Leyendeckers Urteil: Das ist schizophren! Er plädierte in seiner Rede am MAZ für mehr Ergebnisoffenheit und weniger Wut-Journalismus.

Ein falsches Bild der bösen Welt
Ähnlich kritisch zum Zustand des Journalismus liess sich dieser Tage auch Ulrik Haagerup verlauten. Der Infochef des dänischen Rundfunks berichtete am Forum Journalismus und Medien in Wien über «Constructive Journalism». Haagerup kritisierte, dass für die Medienbranche «nur Stories gut sind, die auf einem Konflikt aufbauen, einer dramatischen Situation, einem Opfer», alles andere – so die landläufige Meinung – sei Werbung und kein Journalismus. Durch dieses seit Jahrzehnten von praktisch allen Medien gelebte Prinzip, so Haagerup, zeichneten wir ein falsches Bild der Welt.

Er plädiert dafür, die Welt mit beiden Augen zu sehen und konstruktiv zu beschreiben. «Constructive Journalism» deckt auch Dinge ab, die funktionieren, statt nur darüber zu berichten, was schief läuft. Das sei entgegen den Einwänden vieler Journalisten kein Versuch, dem kritischen, investigativen Journalismus die Zähne zu ziehen, so Haagerup. «Ich will preiswürdigen Journalismus, der Fehlentwicklungen aufdeckt. Aber: Nicht nur kritischer Journalismus ist Journalismus. Eine gute Story braucht nicht zwingend Bösewichte, Skandale, Konflikte.» Konstruktiver Journalismus könne auch verdammt gute Stories liefern, weil sie die Leute inspirieren. Als Beispiel nennt er eine Geschichte über den Vater eines Autisten, der eine Beratungsfirma gegründet hat, die nur Autisten beschäftigt. «Alle achten nur auf die Fähigkeiten, die seinem Sohn fehlen. Aber nicht auf jene, die er hat.» Hier setzt «Constructive Journalism» an.

Worte werden nicht umgesetzt
Mehr good news, weniger Eitelkeit und Gockeltum im Journalismus – das sind löbliche Worte. Und sie stossen bei Kolleginnen und Kollegen auf spontane Zustimmung. Zu glauben, dass sich deswegen nun die ganze Branche wandelt, wäre naiv. Trotzdem lohnt es sich, die Frage zu stellen, wieso solche Worte meist nur Worte bleiben und selten in die Tat umgesetzt werden. Ich behaupte: Es liegt weniger am Willen als an den Umständen.

Ideale werden gemeinhin zwei Altersgruppen zugewiesen: der Jugend und dem Alter. Aussagen darüber, wie die Welt idealerweise sein sollte, gelten entweder als naiv oder altbacken. In der Pubertät will man die Welt verändern, sie besser machen. Dann nimmt die Adoleszenz die Ideale immer mehr im Zaum; aus ihnen er-wächst das, was wir Reife nennen. Ist man schliesslich alt, hält man sich für weise und alles Vergangene für viel besser. Die «alten Hasen» und die «Jungspunde» haben also eines gemeinsam: Ideale. Was sie trennt, sind die Umstände, in denen sie leben und die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Schattenseiten eines Privilegs
Der Jungjournalist, meist in einem Praktikums- oder Volontariatsverhältnis, ist zu allererst einmal froh darüber, überhaupt als Journalist arbeiten zu können. Es war schon immer sein Traumberuf, schon immer wollte er davon leben können. Der Markt ist umkämpft, hinter jedem Nachwuchsjournalist warten zehn andere darauf, seine Stelle zu kriegen. So nimmt der Jungjournalist auch gerne die Schattenseiten seines Privilegs in Kauf: der tiefe Praktikumslohn, der geringe Status als Volontär und nicht zuletzt das kaum vorhandene Mitspracherecht darüber, was er als Journalist soll, darf, muss. Für Idealismus ist in diesem Umfeld wenig Platz.

Zugegeben, ich zeichne hier ein düsteres Bild. Es gibt auch Jungjournalisten, die in einem Umfeld arbeiten, wo sie sich einbringen und ihre Ideale verwirklichen können. Auch ich zähle dazu. Doch dieses Glück wird längst nicht allen zuteil. Und das ist nicht einfach eine pessimistische Mutmassung, sondern fusst auf Erfahrungen mit Jungjournalisten, die ich während meiner Ausbildung am MAZ kennengelernt habe.

«Ich hatte keine andere Wahl»
Da gibt es zum Beispiel die junge Journalistin, die auf Geheiss des Chefs ein Vergewaltigungsopfer anrufen musste – und das wenige Tage nach der Tat und selbstverständlich ohne, dass das Opfer das gewollt hätte. Die Reaktion ihrer Mitstudierenden am MAZ: «Krass, und das hast Du getan?!» Ihre Antwort war so bitter wie bezeichnend: «Ja, hatte ich denn eine andere Wahl?» Das mag nach einer billigen Ausrede klingen. Sie wollte nicht, der Auftrag des Chefs widerstrebte ihr zutiefst, und klar hätte sie ablehnen können. Der Gedanke an all die Mitbewerber, die sie im Bewerbungsverfahren hinter sich liess und die immer noch auf ihren Posten lauerten, liess sie schliesslich einlenken.

Ähnlich ging es einem jungen Journalisten, ebenfalls in Ausbildung am MAZ. Er wähnte sich während einer Recherche auf der Spur eines handfesten Skandals. Der Ressortleiter ermutigte ihn, dran zu bleiben. Als dann aber die Geschichte eine andere Wendung nahm und sich der anfängliche Verdacht als unbegründet herausstellte, hiess es vom Ressortleiter: Gegenbeweise weglassen, Hauptsache die These geht auf. Am Ende habe er sich geschämt für den Artikel, der «mehr Lüge als Wahrheit» war. Den Widerstand hat auch er für sich behalten. Aus Angst und voller Ehrfurcht vor diesem Privileg, sich «Journalist» nennen zu dürfen.

Und das sind – leider! – keine Ausnahmen. Mehr als die Hälfte der Jungjournalisten, mit denen ich am MAZ zu tun hatte, konnte von solchen Erlebnissen berichten. Und auch wenn mir solche Geschichten jeweils zutiefst widerstreben: Böse sein kann ich ihnen nicht. Nur zu gut kann ich ihre Situation nachvollziehen. Auch ich schätze ich mich glücklich über das Privileg, meinen Traumberuf ausüben zu können. Umso dankbarer bin ich, dass ich mich in meinen vier Jahren Berufserfahrung noch nie so verbiegen musste.

Privilegiert auf der Sonnenseite
Diese Probleme haben die «alten Hasen» nicht (mehr). Entweder wurden sie bereits – böse ausgedrückt – so erfolgreich sozialisiert, dass es ihnen nichts mehr ausmacht, sich zwischendurch auch mal zu verbiegen. Dazu gehört wohl der Grossteil der Journalisten. Daneben gibt es noch den kleinen Rest, der sich seine Ideale bewahrt und sie nach wie vor lebt. Zu diesen Personen gehören wohl auch Leyendecker und Haagerup. Sie leben und arbeiten auf der Sonnenseite des Berufs, verglichen mit der Situation der genannten Jungjournalisten. Sie können sich ihre Prinzipien leisten, ohne um ihre Anstellung bangen zu müssen. Und dann voller Überzeugung öffentlich darüber reden, wie der ideale Journalismus aussieht, auszusehen hätte – wenn denn nur alle so wären wie sie.

Hinweis: 

Mein Text erschien am 6. Februar in der Medienwoche und hat dort eine kleine Diskussion ausgelöst. Weitere Inputs und Anregungen erwünscht!  

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5 Antworten zu Journalismus nur für Privilegierte? – Oder: Ideale muss man sich erst leisten können

  1. Pingback: Journalismus nur für Privilegierte? – Oder: Ideale muss man sich erst leisten können | das eigenwach bloggt | Aracuron's Blog

  2. Pingback: The Luxury of Freedom of Speech | Migdalit Or

  3. aracuron schreibt:

    Hoi Eigenwach,

    deien Artikel habe ich als sehr gut empfunden udn mir daher mal erlaubt, ihn auf meinem Blog zu verlinken, zumal ich kurz vorher zu einem ähnlichen Thema geschrieben hatte nämlich über indirekte Zensur.
    Ergebniß war, das Migdalit, eine befreundete Bloggerin dazu ebenfalls eien sehr interessanten Artikel geschrieben hat, ausserdem habe ich einen weiteren Artikel von ihr aus 2010 gefunden, wo sie ich zu einem anderen Aspekt der Unfreiheit äussert, ich frage mich langsam, ob du mit deinem Artikel nicht, ausgehend von der Situation in deiner Branche, den Finger auf eine Wunde gelegt hast, die um einiges größer ist.

  4. Pingback: MAZ – und jetzt? Konsequenzen meiner Medien-Reflexion | das eigenwach bloggt

  5. Pingback: MAZ, und jetzt? – oder: Endstation Reflexion? | das eigenwach bloggt

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