Wieso mich Watson (zunächst!) alt aussehen liess

Als Watson am 22. Januar 2014 online ging, war ich zunächst etwas verwirrt und einigermassen enttäuscht. War ich mit meinen 28 Jahren zu alt für dieses neuartige Onlineportal? Oder was stimmte mit mir nicht, dass mich diese so sehnsüchtig erwarteten «Watsons» zur Verzweiflung trieben? Inzwischen bin ich ein wenig schlauer geworden. Dank Überlegungen von Kollegen – die notabene allesamt älter sind als ich. Meine Reise von der Verzweiflung zur Versöhnung mit Watson.

Es ging mir wohl wie vielen Medienschaffenden oder zumindest -interessierten. Seit der Ankündigung von Hansi Voigt im Frühling 2013 verfolgte ich aufmerksam jede neue Meldung zu diesem «Next Big Thing», das die Schweizer Medienlandschaft revolutionieren sollte. Etwas überraschend dann die Meldung am Mittwoch, 22. Januar 2014: «WIR SIND LIVE» liess Watson gegen 21.00 Uhr über seine Facebook-Page verkünden.

Erster Eindruck: «Hilfe!»

Gleich als ich die Facebook-Meldung gelesen hatte, schloss ich die App und tippte www.watson.ch in die Suchleiste des Safari-Browser auf meinem iPhone. Und tatsächlich, da war es, das neue Medienportal, auf das die ganze (Medien-)Schweiz gewartet hatte: http://www.watson.ch – scharfgestellt und live. Und meine Odyssee begann. Mein erster Eindruck: «Hilfe!» Ich war erschlagen von all den Farben, den grossen Titeln. Scrollte nach unten, nach oben, suchte nach irgendwelchen Strukturen, links, rechts, oben, unten: Fehlanzeige. Noch bevor ich die erste Meldung lesen konnte, musste ich mein iPhone erst einmal weglegen, den Kopf schütteln, eine rauchen. «Was ist denn los?», fragte mein Freund. «Watson ist online, seit gerade eben!» – «Geil! Endlich! Und?», mein Freund griff ebenfalls zum iPhone. «Chume nid drus!», sagte ich noch. Und er, fünf Minuten später: «Wirklich schräg!»

Ich war irritiert. Dass Watson anders werden würde, konnte man sich ja denken. Aber dass es gleich SO anders wird, damit hätte ich nicht gerechnet. Zumal ich der Beschreibung der Zielgruppe des neuen Medienportals ja durchaus entspreche: Ich bin weiblich, mobil, tättowiert und habe einen Maturaabschluss. Einzig beim Migrationshintergrund muss ich passen – und beim Alter: Ich liege drei Jahre über dem Durchschnittsalter der idealen Kundin. Konnte es daran liegen? War ich wirklich schon zu alt für Watson? Mit 28 Jahren? Der Gedanke schien mir absurd. Trotzdem fühlte mich ob all den Farben, grossen Bildern und der fehlenden Struktur bei Watson: uralt. Und überfordert. Allein die Tatsache, dass ich scheinbar so selbstverständliche Begriffe wie «YOLO» googlen musste, liess mir das eine oder andere Haar ergrauen. Urplötzlich war da dieser Graben zwischen mir und der «neuen Generation», zu der ich mich bis dahin stets auch immer selber gezählt hatte. Wie würde es dann erst meinen Kolleginnen und Kollegen gehen, die noch älter – um nicht zu sagen: WIRKLICH ALT – sind?

Schwacher Trost eines «älteren Semesters»

Die Antwort folgte auf dem Fusse. Es dauerte nicht lange und die ersten Geschmacksurteile über Watson gingen online. Nachdem Rainer Stadler bereits gegenüber «Radio Zürichsee» zu verstehen gab, dass er als «älteres Semester» wohl andere Nutzergewohnheiten habe, fiel denn auch das Urteil des Medienjournalisten der NZZ auf seinem Medienblog eher verhalten aus. Die optische Aufmachung von Watson sei zwar «durchaus gefällig gemacht», magazinartig und multimedial, «wie es der digitale Zeitgeist verlangt». Die grössere Kunstfreiheit, welche laut Rainer Stadler auch «Blick am Abend» und «20 Minuten» geradezu altmodisch erscheinen lasse, «erleichtert es dem Nutzer bei allerdings nicht, den Überblick zu behalten». Rainer Stadler ging es also ähnlich wie mir. Wirklich beruhigen konnte mich das allerdings nicht, zumal ich nicht wie er sagen konnte: «Aber gut, Watson will nicht mich, sondern diese Idealnutzerin: eine junge, flexible, gutgebildete Frau mit Tattoos.» Schliesslich gehörte ich – im Gegensatz zu Rainer Stadler – in eben diese Kategorie der «Idealnutzerin». Ja, Watson wäre (wäre!) eigentlich geradezu auf mich zugeschnitten. Wieso aber wollte das so gar nicht klappen? Die Verzweiflung war komplett.

Die Versöhnung – oder: Was Watson will 

So war ich schon drauf und dran, hier gegen Watson anzubloggen. Am liebsten mit niederschmetternden Urteilen wie «Sone Seich!» oder noch lieber modern und schlicht mit einem grossen, fetten «WTF?!» Aber ich liess es bleiben. Kommt Zeit, kommt Rat, dachte ich mir. Zu Recht. Inzwischen gab es immer mehr zu lesen, nicht nur von, sondern auch über Watson. Was mich von der Verzweiflung an der Basis auf eine Metaebene brachte, von wo aus einiges darüber erfuhr, was Watson eigentlich will. Das taten zum Beispiel Nick Lüthi und Ronnie Grob von der Medienwoche. In ihrem ersten Eindruck nach dem ersten Tag von Watson bezeichnen die beiden Medienjournalisten die fehlende Navigationsstruktur ebenfalls als gewöhnungsbedürftig. Da Watson aber primär auf die mobile Nutzung abzielt, spiele dies eine untergeordnete Rolle. Mehr noch: Die fehlende Navigationsstruktur ist reines Kalkül. «Erst wer unten an der Seite angekommen ist, wechselt App oder Angebot. Je mehr man dem Leser zum Scrollen bietet, desto länger bleibt er.»

Ein interessanter Ansatz, der mich an die Aussage von Hansi Voigt am Journalismustag13 erinnerte. Der Chefredaktor von Watson hatte damals – wenn ich mich richtig erinnere – erklärt, wieso man rein unterhaltende «News» wie die Nacktbilder von Miley Cyrus in einem Onlineportal nicht verteufeln, sondern sie sich zu Nutze machen sollte: Sie würden nämlich den rein auf Unterhaltung peilenden Leser dazu bringen, auch mal «harte News» zu lesen. Der Ansatz ist wahrscheinlich nicht neu, aber mir schien er damals ziemlich einleuchtend: Die Nacktbilder von Miley Cyrus als Lockstoff für die Berichterstattung über den Syrienkonflikt – verkürzt dargestellt. Ob das Konzept aufgeht oder der Schuss nicht eher hinten raus geht, weiss ich nicht. Ein Versuch ist’s aber wohl wert.

Dass hinter der (erzwungen) längeren Verweildauer auf Watson auch finanzielle Anreize stehen, ist klar. Sollte die fehlende Navigationsstruktur und das damit verbundene Scrollen-Müssen durch den Mix von Unterhaltung und News bei Watson aber ausserdem dazu dienen, Leser auch mal auf nicht erwartete Inhalte zu führen, lasse auch ich mich gerne überraschen. Ähnlich versteht das übrigens auch David Bauer in seinem Blog der «Tageswoche», wenn er schreibt: «Mehr noch als bei «20 Minuten» setzt Watson-Chef Hansi Voigt bei Watson darauf, dass sich die Besucher im Angebot verlieren und am Ende etwas lesen, für das sie gar nicht gekommen waren.»

Diese und weitere Beiträge zu Watson – hier von Watson selber zusammengestellt – haben schliesslich dazu beigetragen, dass sich meine anfängliche Verzweiflung inzwischen etwas gelegt hat. Ich bin zwar noch immer kein grosser Fan von Watson, das mir noch immer etwas zu bunt, zu gross, zu unübersichtlich ist. Aber ich habe inzwischen verstanden, was Watson will. Und auch wenn man sich hier wieder streiten kann, ob das nun gut oder schlecht ist, so sollte man dem Ganzen doch eine Chance geben – Alter hin oder her. 

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8 Antworten zu Wieso mich Watson (zunächst!) alt aussehen liess

  1. Philipp Meier schreibt:

    danke für deinen spannenden blogeintrag. mir gefällt dieses zweiflerische und emotionale sehr. hoffentlich ist es bei dir so, wie es bei mir manchmal mit guter musik ist: zuerst mag ich sie nicht und dann kann ich irgendwann nicht mehr davon lassen 😉
    habe übrigens heute (dazu) (nochmals) einen beitrag gemacht: http://www.watson.ch/Front/articles/928746041-23-User-Inputs%2C-was-wir-alles-verbessern-m%C3%BCssen

  2. Timothy Truckle schreibt:

    „…sondern diese Idealnutzerin: eine junge, flexible, gutgebildete Frau mit Tattoos…“
    Ist das tatsächlich die angestrebte Zielgruppe? Schlimmer noch: Du entsprichst diesem Text gewordenem Klischee?

    • eigenwach schreibt:

      Timothy: Das ist die Zielgruppe, ja. Und dass ich der entspreche, liegt an der Übereinstimmung mit besagten Attributen, nicht daran, einem Klischee entsprechen zu wollen. Inwiefern ichs damit trotzdem tu? Kümmert mich wenig.

  3. Pingback: Watson oder die Herausforderung, packende Geschichten multimedial zu erzählen | Wahlkampfblog - Unabhängige Ansichten zu Politik, Medien und Kommunikation.

  4. Martin Oswald schreibt:

    Meine Gedanken zu Watson ergänzen den Punkt mit der Metaebene… 🙂 https://medium.com/p/891640ed204b

  5. Erich Uli Ulmi schreibt:

    Ich gehöre zu der Generation der „WIRKLICH ALT“ en 😉 Um so ähnlicher erging es mir; habe die App nun schon ein paar Mal in- und deinstalliert…immer zwischen Verzweiflung & Neugier, immer verbunden mit der Frage „geht da noch was, auch bei mir?“ . Dank Deinem Beitrag schaue ich mir das Ganze jedoch noch mals in Ruhe an und wahrscheinlich auch mit einer etwas anderen Perspektive. Danke, denn die Medienlandschaft und deren Entwicklung interessierte mich schon immer 🙂

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