Der Preis des Ruhmes – oder: Will ich mir vom Journalismus den Charakter verderben lassen?

Als ich anfing, journalistisch zu arbeiten – damals, vor sechs Jahren, als Freischaffende – wusste ich nicht so recht, was mich erwarten würde. Ich tat einfach, was ich gerne tat: schreiben. Nicht mehr nur für mich. Ich hatte neu ein Publikum, schrieb für Leserinnen und Leser. Ohne zu wissen, wie. Einfach mal drauflos, ohne Plan. Und ich tat es offenbar nicht schlecht. Gut genug, dass ich vor drei Jahren eine Festanstellung erhielt. Ein Jahr lang tat ich dann weiter, was ich gerne tat: schreiben. Im Austausch mit meinen Redaktionskolleginnen und -kollegen festigte ich mein Handwerk. Immer mehr begann ich zu realisieren, wieso ich schrieb, wie ich schrieb. Und wie ich es besser machen kann.

Klein war die Welt, in der ich meine Leidenschaft zum Beruf machen konnte. Der Kanton Uri, 35’000 Einwohner, ein Bergkanton zwischen Landwirtschaft, dem Gotthard-Strassentunnel, dann neu mit Sawiris, Skiarena und so weiter. Ich schrieb über Kultur, berichtete über Landratsdebatten, Gerichtsverhandlungen, über Urnerinnen und Urner, ihre Sorgen, ihre Erfolge und Misserfolge, Anliegen und Nöte. Ein Mikrokosmos, begleitetet, beschrieben, kommentiert und analysiert für rund 20’000 Leser.

Im März 2012 brach ich – zumindest teilweise – aus diesem Mikrokosmos aus. Als angehende Diplomjournalistin kam ich am MAZ in Luzern in Kontakt mit anderen Medienschaffenden, Studenten und Dozenten. Im Schnitt ein Tag pro Woche war ich konfrontiert mit den Erfahrungen, dem Knowhow von Berufskolleginnen und -kollegen aus allen Regionen der Schweiz und Lichtenstein, aus allen Sparten des Journalismus, aus verschiedenen Blättern, Medienformen und Verlagen. Unterrichtet von den ganze Grossen der Branche: Peer Teuwsen, Barbara Lukesch, Barbara Kopp, Marie Lampert, Angelika Overath, Guido Mingels, Elisabeth Schmidt, Gisela Widmer, Martin Stoll, Andreas Dietrich und wie sie alle heissen.

Zweifellos: Ich habe durch all die Inputs einiges profitieren können. Meine «Schreibe» wurde in der Zeit entscheidend besser, die Techniken ausgefeilter, das Gespür für spannende Themen geschärft. Als Werkstatt hat mich das MAZ enorm vorwärts gebracht. Und mich in meiner Überzeugung bestätigt, dass Journalismus das ist, was ich gerne mache, was ich weiter machen will.

Und trotzdem frage ich mich immer mehr, ob und inwiefern ich für die Branche überhaupt geeignet bin. Jetzt, nach drei von vier Semestern am MAZ, wo ich mir allmählich Gedanken machen muss, wie es mit mir weiter gehen soll. Mit dem Diplom in der Tasche, so sagt man (oder will man uns weismachen), stehe einem die grosse, weite Welt offen. Zeit also, Karriere zu machen. Wie die «Grossen» der Branche es tun. Aber will ich das überhaupt? Will ich so sein wie sie? Wenn ja, zu welchem Preis?

Seit meiner Zeit am MAZ setze ich mich immer auch wieder kritisch mit meiner Branche auseinander. Ein Ergebnis davon ist dieser Blog. Immer wieder war ich während des Studiums konfrontiert mit Fragen zur Rolle von Journalisten, mit medienethischen Haltungen und dem Selbstverständnis meiner Berufskollegen – und damit, wie die «Grossen» es mir/uns vorleben.

Das war auf weiten Strecken sehr ernüchternd.

Vor allem in der Auseinandersetzung mit Texten, die entweder renommierte Journalistenpreise erhielten, nominiert waren oder allgemein als Musterbeispiele in der Branche gelten. Mit Beispielen also, die mir zeigen sollten, wie ich es zu tun habe, will ich erfolgreich sein und Karriere ausserhalb des Urnerischen Mikrokosmos machen. Viele davon stiessen mich ab.

Da gab es zum Beispiel das Porträt über den Schweizer Moderator Nik Hartmann in der Zeit. In dem die grosse Margrit Sprecher in einer derart herablassender Art und Weise über einen Menschen urteilt, den sie wohl gerade mal zwei Stunden in einem Café getroffen hatte, dass ich mich für meinen Berufsstand schämte. Aber: Geschrieben von einer der Koryphäen des Journalismus; so zumindest spricht man gemeinhin von Margrit Sprecher.

Ähnlich ging es mir beim Interview von Peer Teuwsen mit FDP-Präsident Philipp Müller, erschienen ebenfalls in der Zeit. Ein brillanter Text, ohne Zweifel. Und auch wenn Philipp Müller die Herausforderung gut meisterte, blieb mir doch ein Eindruck weit deutlicher hängen: Dass es dem Journalisten hier nicht so sehr um sein Interviewpartner, sondern mehr um sich ging. Ein Interview zur Verdeutlichung der Herrlichkeit des grossen Peer Teuwsen – um es mal überspitzt zu formulieren.

Oder beim Porträt von René Pfister über Horst Seehofer im Spiegel. Während wir in einem MAZ-Kurs diskutierten, ob ihm der Henry-Nannen-Preis zu Recht aberkannt worden war oder nicht, beschäftigte mich viel mehr die Frage, wieso ein solcher Text überhaupt erst für einen so renommierten Preis infrage kommt. Ein Artikel, der einzig und allein der Herabsetzung einer Person dient, der von Urteilen nur so strotzt und den Protagonisten einzig negativ beleuchtet. Abstossend.

Und wo wir schon beim «Pfistern» sind, kommt auch gleich meine grösste Enttäuschung in Sachen Journalistenvorbilder: Die «Sarah» von Erwin Koch in der Welt. Ein Text, der mich sehr beeindruckte, den zum Vorbild zu nehmen sich lohnte. Bis ich erfuhr, wie er entstand: als reine Rekonstruktion einer tragischen Geschichte. War ich während des Lesens noch berührt von der Nähe, die Erwin Koch zu Sarah hergestellt und für den Leser wiedergegeben hat, wusste ich nun: Diese Nähe gab es nie. Ich fühlte mich betrogen.

Welche Lehre sollte ich also von diesen Texten ziehen? Etwa jene: Will ich erfolgreiche Porträts schreiben, muss ich zynisch werden, herablassend, verurteilend, arrogant und selbstherrlich wie Margrit Sprecher; für ein gutes Interview vor allem mich selber möglichst glorreich inszenieren wie Peer Teuwsen; eine Person diskreditieren mit lauter unreflektierter Urteile wie René Pfister; oder dem Leser vortäuschen, ich wäre hautnah Teil einer Tragödie wie Erwin Koch? Will ich das? Will ich mir durch meine Arbeit den Charakter verderben lassen?

Ich will den oben genannten Autoren nicht zu nahe treten. Ich kenne sie nicht persönlich und wahrscheinlich sind es alles ganz nette Menschen. Als Nachwuchskraft aber muss ich mich mit ihnen als Vorbilder kritisch auseinandersetzen – reine Bewunderung bringt niemanden weiter.

Die Texte sind brillant geschrieben, handwerklich (will heissen: sprachlich) top, keine Frage. Was mich abstösst ist einzig ihr Verständnis dessen, wie und was Journalisten sein sollen – und das kommt letztlich bei all den oben genannten Texten deutlich zum Ausdruck. Mich jedenfalls lässt immer mehr der Eindruck nicht los, dass sich Erfolg im Journalismus nur mit einem gewissen Mass an Skrupellosigkeit, Überheblichkeit und Arroganz erreichen lässt.

Ich aber verstehe mich als Journalistin als Beobachterin, nicht als Richterin – und als Henkerin schon erst recht nicht. In einem Porträt lasse ich die zu porträtierende Person sprechen, handeln, argumentieren, gestikulieren; das Urteil überlasse ich dem Leser. Ich masse mir nicht an, über eine Person urteilen zu können, die ich kaum kenne (ja nicht mal, wenn ich sie gut kennen würde). Für so wichtig und allwissend halte ich mich schlichtweg nicht. Und: Ich mute es dem Leser zu, ein eigenes Urteil fällen zu können (!). In einem Interview stelle ich Fragen auf Augenhöhe mit dem Interviewpartner. Die Fragen zeigen zwar, dass ich informiert bin, sie dienen aber in erster Linie dem Leser, der aus den Antworten Neues, Überraschendes, Wissenswertes ziehen kann. Und ich deklariere, woher ich meine Informationen habe. Mache mich nicht zur Allwissenden und muss auch nicht vortäuschen, bei irgendwas dabei gewesen zu sein, nur um Nähe zu suggerieren. Ich habe genug Respekt vor den Lesern, um ehrlich zu ihnen zu sein.

Vergleiche ich nun mein Verständnis von Journalismus mit demjenigen eines grossen Teils der Koryphäen der Branche, muss ich mich unweigerlich fragen: Wer ist falsch? Sie oder ich? Der Erfolg gibt letztlich nicht mir, sondern ihnen recht. Ich bin lediglich eine Anfängerin, ein naiver Welpe, der vor der Wolfsgrube steht und sich fragt: Will ich so werden wie die?

Das Zeug dazu hätte ich allemal; auch ich kann Zähne fletschen, kann mich zum Alphatier aufblähen und Menschen in Fetzen zerreissen – nichts leichter als das! Das ist es ja gerade, was mich so sehr enttäuscht: Dass es sich viele meiner Kollegen so unglaublich einfach machen. Denn seien wir mal ehrlich: Was ist einfacher? Einen Menschen, ein Thema oder eine Sache schlechtzuschreiben, dem Leser deutsch und deutlich zu vermitteln: «Du, der/die da ist ein ganz schönes Arschloch, das kannst Du mir glauben»? Oder es dem Leser zu überlassen, was er von er/ihm halten soll? Ich denke: Letzteres. Ersteres braucht zwar mehr Mut, aber dieser Mut ist falsch, weil er sich selber über die Urteilsfähigkeit des Lesers stellt. Will mir also jemand Feigheit unterstellen, weil ich das Urteil den Lesern überlasse, so soll er sich fragen, wem sein sogenannter Mut am meisten nützt: seinem eigenen Ego oder der Leserschaft.

Zugegeben: Die Verlockung ist gross, als Journalist zum Charakterschwein zu werden. Man hat Publikum, wird gelesen, gehört, gesehen von zehntausenden Menschen. Mit jedem gedruckten Wort auf Papier, jeder Tonspur am Radio, jedem Auftritt am TV gewinnt man an Macht. Man spielt mit auf der grossen Weltbühne, hat einen Teil der Würfel in der Hand. Die besten Voraussetzungen also, überheblich zu werden, sich zynisch vom Publikum abzuwenden – und vom Balkon auf das niedere Fussvolk herunter zu blicken. Ja, das macht es sogar schwer, sich vom Journalismus nicht den Charakter verderben zu lassen.

Aber ich will nicht. Und ich kann nicht. Kann mich – auch als Teil der «vierten Macht» – nicht so ernst nehmen. Auch wenn ich so nie einen renommierten Journalistenpreis erhalte, nie am MAZ als Musterbeispiel gepredigt und nie in die Reihen der Koryphäen aufgenommen werde. Der Platz dort ist ohnehin beschränkt. Sollen andere Wölfe um ihn kämpfen. Ich kann nicht aus meiner Haut, Ruhm hin oder her.

Meinen Traumberuf aufgeben aber werde ich deswegen nicht. Jedenfalls solange nicht, wie es für Welpen wie mich noch Platz hat in der Welt der Wölfe da draussen. Und ich werde mir immer mal wieder diesen Text durchlesen und mich selber daraufhin überprüfen, ob ich noch Welpe oder nicht schon längst Wolf geworden bin.

Dieser Blogbeitrag ist also nicht in erster Linie als Anklageschrift an die Journalistenbranche gedacht – von jenen, die sich angesprochen fühlen, wird er ohnehin nur belächelt werden. Vielmehr dient dieser Beitrag als Mahnschrift für mich und all die anderen Welpen da draussen, mit der Botschaft: Lasst euch vom Journalismus nicht den Charakter verderben; kein Ruhm der Welt ist das wert!

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7 Antworten zu Der Preis des Ruhmes – oder: Will ich mir vom Journalismus den Charakter verderben lassen?

  1. Muriel schreibt:

    Ist das nicht ein bisschen zu einfach, diese Dichotomie aufzumachen: erfolgreich (im Sinne von: für das große Publikum) schreiben und sich den Charakter verderben lassen, oder beides nicht tun?
    Die Entscheidung, so zu schreiben, dass viele dich lesen, ist doch zunächst mal nicht zwangsläufig an deinen Charakter gekoppelt, und was das große Publikum lesen will, ist eine Tatsachen-, keine Moralfrage.
    Oder missverstehe ich, was du sagen wolltest?

    • eigenwach schreibt:

      Nun, ich finde sehr wohl, dass die Art, wie man schreibt, mit dem Charakter zu tun hat. Klar kann ich schreiben, wie es das Publikum verlangt (wobei auch das zu diskutieren wäre), aber wenn ich mich dafür verbiegen muss (verurteilen will man oder man will es nicht), liegt es an mir, die Entscheidung zu treffen.

      • Muriel schreibt:

        Natürlich liegt es an dir, und natürlich sagt diese Entscheidung etwas über deinen Charakter aus.
        Aber erstens ist die Entscheidung eher durch den Charakter determiniert als umgekehrt, und zweitens kann man ja auch mit guten Absichten für das große Publikum schreiben. Wer nicht gelesen wird, kann auch nichts bewirken. Die Menschen sind, wie sie sind, und man kann zwar versuchen, sie zu verändern, aber das tut man nicht, indem man so tut, als wären sie schon anders. Oder zumindest klappt das nur selten.

  2. Knut schreibt:

    Was Du schreibst, eigenwach, berührt. Irgendein ein Schwachbegabter muss angehenden Journalistinnen und Journalisten einmal gesagt haben, das „bad“ news „good“ news sind. Oder wie mir vor „hundert“ Jahren mal ein Boulevard-Mensch verriet, er habe die Anweisung erhalten „täglich eine Sau durchs Dorf zu jagen“, weil sich negative Geschichten gut „verkaufen“. Das ist alles Blödsinn. Als Volontär hatte ich einmal einen Chef, der sagte in diesem Bezug, wenn wir kämpfen, dann bitte nur mit dem „feinen Florett“, nicht mit dem Säbel. Gut recherchiert, ebenso gut dokumentiert und gut geschrieben. Schreiben ist Charaktersache. Ein guter Journalist/eine gute Journalistin schreibt nicht für den Pulitzer-Preis (den meistens US-Amerikaner bekommen) oder für die Auszeichnung schlechthin, sondern für sein Publikum. Da geht es um Vertrauen, Glaubhaftigkeit, Klarheit und Wahrheit. Mindestens. Die wirklich Guten (meine Erfahrung), überzeugen durch Stil und Professionalität. Letzteres hat nichts mit Routine zu tun. Jedes Thema kann gut sein. Es kommt darauf an wie ich es „verpacke“. Letztlich ist die Sprache das Geheimnis. Nachdem ich mich ein wenig durch Deinen Blog gelesen habe, finde ich, dass Du ausgesprochen viel Sprachgefühl hast. Lass‘ Dir von einem wirklich Alten empfehlen, erhalte Dir Deinen persönlichen Stil.

    • eigenwach schreibt:

      Lieber Knut, vielen herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Du sprichst mir aus der Seele. «Ein guter Journalist schreibt nicht für den Pulitzer-Preis oder für eine Auszeichnung schlechthin, sondern für sein Publikum» – das bringt das Ganze auf den Punkt. Und ich bin sehr froh, dass es offenbar noch Leute gibt, die das genau so sehen. Insofern hat mir Dein Kommentar grossen Mut gemacht! Vielen Dank dafür.

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