«Hau den Mörgeli» – die neue Attraktion im Medienzirkus

Man mag als Journalist von Christoph Mörgeli halten, was man will, auch von der Politik, welche die SVP seit Jahren in der Schweiz inszeniert. Aber was da in der Sendung «Rundschau» des SRF unlängst zelebriert wurde, hat meiner Ansicht nach nur noch wenig mit Journalismus zu tun.

Vielmehr stilisieren die Medien ihren Lieblingssport zur vermeintlichen Olympia-Disziplin hoch: das SVP-Bashing. Und degradieren mit dieser vermeintlichen Attraktion im Medienzirkus nicht nur den politischen Akteur zum Clown in der Manege – sondern auch sich selbst. Bis letztlich niemand mehr so recht weiss, über wen man nach dem «Rundschau»-Beitrag nun lauter lachen soll: über Moderator Sandro Brotz, der sein Opfer dem ziemlich zahnlosen Löwen zum Frass vorführen will, oder über Christoph Mörgeli, der schon beim ersten Tanz auf dem Seil einen Schritt zu weit geht – und schliesslich: fällt.

Wenn wir ehrlich sind, war bereits vor der Ausstrahlung der Sendung klar, was dessen Inhalt sein wird. Wie immer, wenn es um Themen oder Personen aus der SVP – derzeit mit Lieblingsartist Mörgeli – geht: Es wird gebasht. Ja ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass spätestens nach dem ersten Drittel der «Rundschau»-Recherchen feststand, in welche Richtung der Beitrag gehen würde, ja sogar gehen muss, um überhaupt ausgestrahlt zu werden: Mörgeli als Bösewicht, anonyme Unschuldige als Opfer – und die Show war perfekt, eine volle Zirkusarena garantiert. Nun mussten nur noch weitere Eckpfeiler und Bestätigungen des Drehbuchs gefunden werden: eine Expertin, die dem medialen Zirkus eine gewisse Ernsthaftigkeit verleihen soll, und ein möglichst physisches corpus delicti in Form eines Stapels verdächtiger Schriften.

Und schliesslich werden gewisse Punkte geschickt umschifft, welche den Zirkus gefährdet hätten: Aussagen darüber, was eine Dissertation will und muss, ob und wie sich medizin-historische Doktorarbeiten von jenen rein geisteswissenschaftlicher Natur unterscheiden, sowie die Frage, was eine Transkription alter Texte ist oder eben nicht ist. Auch die Opferrollen werden klar als solche – und nur als solche! – inszeniert, deren Beweggründe in hehre Gewissensakte verkleidet. Nur so geht die Geschichte auf, nur so funktioniert die Show – und nur so kann der Bösewicht kläglich scheitern.

Dass sich Christoph Mörgeli mit seiner Haudrauf-Rhetorik selber zum gefundenen Fressen für solche Zirkusaufführungen macht, ist unbestritten. Er ist bestimmt kein Unschuldslamm und man darf deswegen halten von ihm, was man will. Aber das rechtfertigt für mich als Journalistin noch lange nicht, dieses gefundene Fressen bereitwillig aufzunehmen und so zur weiteren Würze beizutragen. Die Aufgaben eines Journalisten ist es ab und zu auch, Menschen vor sich selber zu schützen. Das hätte man im Fall der «Rundschau»  in Erwägung ziehen und über die Gier nach Einschaltquoten stellen sollen.

Und: Mal abgesehen davon, dass mit Beiträgen wie jenen der «Rundschau» der Zuschauer an der Nase herumgeführt wird, ist diese Art von Journalismus letztlich nur eins: stinklangweilig. Überraschungseffekt: gleich null. Einmal mehr SVP-Bashing, diesmal als «Hau den Mörgeli» auf die Spitze getrieben. Und was mich fast noch mehr verärgert und in letzter Konsequenz auch meine Branche zutiefst beleidigt: Es ist so verdammt einfach. Man nehme einen Fall, stilisiere ihn zum Skandal hoch, suche sich die Opfer, lenke die Geschichte in die gewünschte Richtung, stelle den Bösewicht an den Pranger – und der Zirkus ist perfekt. Stammt der Bösewicht dann auch noch aus SVP-Kreisen: umso besser.

Natürlich, das thesenjournalistische Muster lässt sich nicht nur bei der «Rundschau» feststellen. Auch andere Formate pflegen klare Feindbilder und wollen dieses auch bestätigt haben. Davon ist notabene auch die «Weltwoche» nicht auszunehmen. Und so weiss man bald bei jedem Blatt, bei jeder Sendung, was einen erwartet beziehungsweise womit man eben nicht zu rechnen hat. Die einen nennen das «Profil», in meinen Augen aber ist das nur langweilig, berechenbar und wenig anspruchsvoll – sowohl für den Autor als auch für die Leserschaft.

Weniger Thesen, weniger Bashing, weniger Skandalisierung, dafür mehr Ausgewogenheit, Zurückhaltung und Vertrauen in die Souveränität der Leserschaft – das würde ich mir wünschen. Als Journalistin für das Berufsbild meiner Branche. Aber auch als Medienkonsumentin für mehr Lesevergnügen und Überraschungen.

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7 Antworten zu «Hau den Mörgeli» – die neue Attraktion im Medienzirkus

  1. erythrina schreibt:

    Treffend geschrieben – wie immer! 😉 es stellen sich mir allerdings auch einige fragen:
    Im grunde steht es ja jedem auch selber offen, ob er sich bashen lassen will oder nicht. D.h. ob er sich in die rundschau begeben will oder nicht. Und wenn mörgeli, wie du es sagst, es hätte besser wissen müssen, warum lässt er denn das mit sich machen? Ich glaube, es steckt hier viel mehr kalkül dahinter, als wir zu glauben wissen.
    Ich glaube einerseits, dass mörgeli ganz genau gewusst hat, was ihn erwartet und sich gerade deswegen darauf eingelassen hat. Denn heisst es nicht: lieber schlechte als gar keine publicity??
    Klar ist das was in den medien veröffentlich wird selten überraschend. Aber trotzdem, was will denn der otto-normal-medien-konsument? Ist es nicht gerade das, was eben immer wieder auftaucht, skandale und blossgestellte menschen? Würde es sonst immer wieder um diese themen gehen? Und haben die medien dadurch noch wirklich eine wahl, was sie zeigen wollen? Das überleben hängt nun mal von den einschaltquoten und abonnenten ab.
    Und was ist deiner meinung nach die alternative? Also über was könnte berichtet werden?

    • eigenwach schreibt:

      Liebe erythrina, vielen Dank für Deinen Kommentar und das Interesse an meinem Blog. Zu Deinen Fragen:
      Klar stand es Mörgeli frei, sich zu den Vorwürfen zu äussern oder nicht. Seine Uni-Kollegen hielten sich ja bisher auch zurück. Allerdings hätte auch das ein negatives Licht auf ihn gerichtet, weil es dann geheissen hätte: «Wollte keine Stellung beziehen». Ob das nun besser gewesen wäre als das, was er letztlich unglücklicherweise auf dem «heissen Stuhl» der Rundschau von sich gab, ist fraglich.
      Auch könnte es gut sein, dass Mörgeli das ganze kalkuliert hat und die Gelegenheit nutzen wollte, einmal mehr gegen «die linken Medien» zu wettern. Hier stellt sich allerdings wiederum die Frage, ob man sowas als Medium zulassen will; man Mörgeli diese Plattform überhaupt bieten will. Ausserdem noch live – da ist die Gefahr, irgendwelche Botschaften auszusenden, die sonst rausgeschnitten werden, grösser.
      Was der Otto-Normal-Leser/Zuschauer will, ist mir selbst als Journalistin noch nicht ganz klar. Beziehungsweise, wieso er/sie dieses oder jenes lesen oder eben nicht lesen will. Ungeachtet dessen muss man sich aber auch immer fragen, was für Bedürfnisse man bei den Lesern nähren will oder nicht. Wenn man immer skandalisiert und blossstellt, entwickeln die Leser/Zuschauer auch eine entsprechende Erwartungshaltung. Ich glaube, man kann das nicht für «gottgegeben» erklären und dann nur das bringen, «was der Leser nunmal seit Menschengedenken will». Das wäre für mich ein wenig einfach gestrickt. Aber vielleicht bin ich da auch einfach naiv, wer weiss. Und vor der Moral kommt ja bekanntlich das Fressen; wäre das Überleben eines Senders davon abhängig, Skandale zu bringen, würden ethische Vorstellungen hinfällig. So weit ist es – soweit ich weiss – aber (noch?) nicht, und die Rundschau käme – alleine durch Konzessionsgelder – auch gut ohne solche Zirkusspiele über die Runden.
      Die Alternative, die mir vorschwebt oder die ich auch so gut wie möglich lebe als Journalistin, wäre, wieder mehr auf die Leser- beziehungsweise Zuschauerschaft zu vertrauen. Indem man als Journalist eine Sachlage möglichst ausgewogen und wertneutral darstellt und das Urteil dem Leser/Zuschauer überlässt. Denn das fehlt mir bei solchen Bashing-Aktion total; da wird einem ganz klar mitgeteilt, was man zu denken hat, nämlich dass Mörgeli ein Dummkopf ist. Viel anspruchsvoller wäre es doch, eine Sachlage ausgewogen zu erzählen, sodass sich jeder dann seine eigene Meinung bilden kann. Das wird in vielen Medien auch durchaus so gemacht – ich ziehe da nicht alle über den Bashing-Kamm. Von daher will ich ja auch nicht den Teufel an die Wand malen. Aber thematisieren sollte man das zunehmende Bashing durch Medien schon.

  2. Wieder einmal ein sehr gelungener Beitrag. Danke dafür.
    Meines Erachtens fehlt aber ein Aspekt. Die Medien und die SVP haben ein spezielles Verhältnis. Erstere waren jahrelang (und sind es noch immer) ein sehr dienstfertiger Multiplikator der Provokationen von Letzterer. Und auch die Partei spart nicht mit Angriffen gegen die angeblich linke Journaille. Es ist also nicht ein einseitiges Bashing der Medien gegen die arme SVP (wie sie es selber gern immer wieder hinstellt), sondern einfach eine weitere Runde im immerwährenden Tanz der beiden Seiten. Es ist ein gegenseitiger Hickhack, von dem beide profitieren: Die SVP hat ihre Publizität, die Medien ihre Stories. Leider sehr zum Nachteil der politischen und publizistischen Kultur in diesem Land.

    • eigenwach schreibt:

      Einverstanden, der Aspekt fehlt. Als Nichtpolitikerin will ich mir aber kein Urteil anmassen, wie man zu politisieren hat und wie nicht. Als Medienschaffende kann ich den immerwährenden Tanz – wie Du es sehr trefflich formuliert hast – zwischen Medien und SVP nur von der einen Seite her aufzuhalten versuchen. Letztlich bringt es wenig, den Esel zu kritisieren und dabei selber stehen zu bleiben, im übertragenen Sinne.

  3. Pingback: MAZ – und jetzt? Konsequenzen meiner Medien-Reflexion | das eigenwach bloggt

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