Felssturz in Gurtnellen – oder: die Satire, die keine war

Es ist also wieder passiert. Heute Mittwoch, 14. November, 16.30 Uhr, sind in Gurtnellen Gesteinsmassen auf die Bahnlinie der SBB gestürzt.

Mein erster Gedanke, als ich die Meldung las: «Bitte nicht schon wieder!» Nicht (nur), weil ich in Sorge war – glücklicherweise wurde laut ersten Meldungen niemand verletzt – sondern weil ich ahne, welches Echo der neuerliche Felssturz in Gurtnellen mit sich ziehen wird. Wieder. Bitte nicht!

Doch erstmal ganz von vorn:

Bereits im vergangenen Juni hatte sich in Gurtnellen – offenbar am selben Ort wie heute – ein Felssturz ereignet. Mit verheerenden Folgen: Drei Felsarbeiter wurden verschüttet, ein 28-jähriger Familienvater kam ums Leben. Die Gotthardlinie der SBB blieb daraufhin während rund vier Wochen gesperrt.

Kurz darauf luden Verantwortliche der SBB und der Felssicherungsfirma in Erstfeld zur Pressekonferenz ein.  Und hier begann mein Kopfschütteln, das sich seither immer mal wieder einstellen sollte.

Wieso donnert auf einmal Fels ins Tal? Hatte man damit gerechnet? Hätte man damit rechnen müssen? Oder hat man es vielleicht sogar gewusst, dass eventuell die Möglichkeit bestünde, dass da irgendwann mal Fels runterzudonnern im Stande sein könnte? – So hätte man die Fragen der Journalisten an der Pressekonferenz in etwa zusammenfassen können.

Klar, man sucht als Journalist bekanntlich gerne den Konflikt. Und vielleicht hätte bei der Fragerei am Ende auch noch ein Schuldiger gefunden werden können. Einer, auf dem man mit dem Finger hätte zeigen können: «Der da wusste von der Gefahr des Felsens, war Mitwisser, wenn nicht sogar Komplize!»

Die Antwort des SBB-Geologen fiel aber erwartet nüchtern aus: Ja, man wusste um die Gefahr des gestürzten Felsstückes. Sonst wäre da ja auch keine Felssicherungsfirma für die – wie der Name schon sagt – Felssicherung engagiert worden. Und ja, man hatte den Felsen überwacht. Trotzdem ist es passiert.

Wenige Tage später las ich in einer Tageszeitung eine Abhandlung über die Gefahr, der von einem Felsen ausgehen kann. Da stand, dass die Gefahr real ist. Dass es vor allem in Gebieten mit viel Fels zu Felsstürzen kommt, und da der Kanton Uri viel Felsvorkommen habe, es hier auch öfters zu Felsstürzen käme.

Leider handelte es sich bei dem Artikel nicht um ein Satire-Stück. Denn: Er erschien im Urner Teil der Tageszeitung, wurde allerdings von einem nicht einheimischen Journalisten verfasst. Mit anderen Worten: Da wollte ein Journalist aus der Stadt den Urner Landeiern (schonend und möglichst wissenschaftlich) verklickern, dass sie von Felsen umgeben und damit einer massiven Felssturzgefahr ausgesetzt sind. Vielen Urnern dürfte nach dem Lesen des Artikels ganz schön Angst und Bange geworden sein. Damit hätten sie ja nun wirklich nicht gerechnet. Und das stand auch gar nicht in der «Ziehen Sie ins wunderschöne Uri!»-Broschüre drin. Schweinerei!

Doch damit nicht genug. Die Satire, die eigentlich keine war, ging weiter.

Am 16. Juni luden die SBB erneut Journalisten nach Uri ein. Diesmal zu einer Pressekonferenz mit Nervenkitzel. Der brüchige Fels in Gurtnellen sollte weggesprengt werden, die Presseleute durften hautnah mit dabei sein. Mit Helm und dem üblichen Journalistenhandwerk ausgerüstet standen sie dann da, auf einem Steinbruch gegenüber des zehn Tage alten Felssturzes, den Blick gebannt auf die baldige Explosionsstelle gerichtet. Ein Knall, und 2000 Kubikmeter Fels donnerten zu Tale. Schon wieder. Aber diesmal gewollt. Immerhin, die Welt schien wieder in Ordnung. Sogar leiser Applaus war zu vernehmen.

Ist der Fels nun sicher? Die Zeiten der Felsstürze vorbei? Versprochen? Indianerehrenwort? – Die Journalisten von damals hatten – trotz erhellenden Artikeln über die Gefahren eines Felsen – nichts dazu gelernt. Abermals: Kopfschütteln.

Dann die Wende. Ich erinnere mich noch sehr genau an die Antwort des SBB-Geologen im Anschluss an die Sprengung. Der Fels sei nun zwar sicherer, aber eine 100-prozentige Garantie, dass er nicht wieder zu Tale donnert, sei nicht möglich. Denn: «Es ist und bleibt nunmal ein Fels!»

Damit hat die Satire, die keine war, endlich ein Ende genommen. Und so kann nun auch ich hier Klartext reden, sollte jemand meinen Zynismus grosszügig überlesen haben:

Fels ist Fels. Und auch wenn man es ihm nicht auf den ersten Blick ansieht, so bewegt er sich doch ständig. Damit birgt er auch eine ständige Gefahr. Mit einem Felssturz ist immer zu rechnen. Das ist Natur. Man kann mit Sprengungen und Schutzmassnahmen im besten Fall schlimmeres verhindern und mit Messgeräten das Unglück voraussehen. Aber auch das ändert nichts daran, dass es sie immer wieder geben wird, die Felsstürze. So wird auch der heutige nicht der letzte sein. Versprochen! Indianerehrenwort!

Wir Urner leben seit jeher im, am, unter, auf und mit dem Fels. Uns braucht man nicht zu erklären, dass Fels gefährlich sein kann. Dass er jederzeit zu Tale donnern könnte. In einem Bergkanton lebt man im Wissen um die ständigen Naturgefahren.  Und wir suchen nicht nach Schuldigen oder nach Versprechungen auf Besserung, auf Zähmung der Natur.

Deshalb meine Bitte, liebe Journalisten, die ihr auch über den heutigen Felssturz wieder berichten werdet: Bedenkt meine Worte und lasst die Berichterstattung nicht wieder zur Satire verkommen, die keine ist. Die Urner werden’s euch danken!

PS: Wie omnipräsent diese Gefahr in Uri ist, zeigte ein weiterer kleinerer Felssturz einige Tage nach der Sprengung in Gurtnellen. Just an dem Ort, an dem Tage davor Journalisten die Sprengung des gegenüberliegenden Felsen beobachtet hatten, donnerten Tage danach ebenfalls Steine zu Tale. Das ist Uri. Hautnah!

Dieser Beitrag wurde unter Aktuelles abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Felssturz in Gurtnellen – oder: die Satire, die keine war

  1. Pingback: MAZ – und jetzt? Konsequenzen meiner Medien-Reflexion | das eigenwach bloggt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s