Oralverkehr auf der Tanzfläche

Samstagabend. Nachtlokal. Auf der Tanzfläche tummeln sich um die achtzig Personen, Männer und Frauen im Alter zwischen zwanzig und fünfunddreissig Jahren. Stimmung: ausgelassen. Die Meute tanz, wackelt, schwitzt. Aus den Lautsprechern dröhnt Musik, die Lippen murmeln mit:

„Can you blow my whistle baby – let me know!“

Es ist Flo Rida mit seinem Lied „Whistle“ – ein Chartstürmer, auch gehandelt als verspäteter Sommerhit. Ein Ohrwurm, Radiodauerbrenner, und alle singen mit:

„Girl I’m gonna show you how to do it and we’ll start real slow
You just put your lips togheter and you come real close
Can you blow my whistle baby, whistle baby – here we go!“

Sie alle hatten Englisch in der Schule, benutzen Anglizismen im Alltag – und doch scheinen die wenigsten zu wissen, was sie da eigentlich mitsingen.

„Kannst Du meine Flöte blasen, Baby – lass es mich wissen!
Ich werde Dir zeigen, wie es geht, und wir beginnen ganz langsam.
Du bringst Deine Lippen zusammen und kommst sehr nahe.
Kannst Du meine Flöte blasen, Baby – Los gehts!“

Man braucht weder gute Englischkenntnisse noch allzuviel Fantasie zu haben, um zu verstehen, worum es sich bei der zu blasenden Flöte von Flo Rida handelt.

Versteht mich nicht falsch: Ich bin durchaus für sexuelle Emanzipation, meinetwegen auch in der Musik. Und wenn man auf der Tanzfläche offen über Oralverkehr sprechen beziehungsweise singen kann – umso besser. Die Frage aber ist: Wie viele Leute würden noch so hemmungslos mitträllern, wenn sie denn auch verstehen würden, was sie da von sich geben?

Man denke beispielsweise an Fräulein Schüchtern, das haarsträhnezwirbelnd mit den Hüften wackelt, während Inner Circle singt:

„Girl, I wanna make you sweat, Sweat like you can’t sweat no more
And if you cry out, I’m gonna push it, push it some more“

„Girl, Ich will Dich zum schwitzen bringen, so sehr Du nur kannst.
Und wenn Du aufschreist, werde ich stossen, noch mehr stossen.“
(Inner Circle, Sweat)

Oder an Mister Verklemmt, der dann plötzlich seine Lippen zu Sätzen bewegt wie:

„Damn Girl, you sexy bitch“
„Verdammt Girl, Du sexy Schlampe“
(David Guetta, Sexy Bitch)

Und was die „bösen, bösen Männer“ können, kann Rihanna schon längst. Mit „Rude Boy“ etabliert sie ein Bild einer sexuell emanzipierten jungen Frau, die weiss, was sie will und wie sie es will. Problematisch finde ich allerdings, dass das Lied a) auf der Bravo Hits Platz findet, und b) mit übersetztem Songtext im Booklet abgedruckt wird. Oder sollten Kinder und Jugendliche als Hauptpublikum der Bravo Hits, die sich gerade über ihre ersten Schamhaare freuen, dem Dr.-Sommer-Team heimlich ihre Sorgen anvertrauen und beim Flaschendrehen noch rot werden, mit folgenden Textzeilen konfrontiert werden? Original-Texte vom Bravo Hits Booklet!

„Tonight Im’ma let it be fire, tonight Im’ma let you take me higher, tonight baby we can get it on, yeah […] Do you like it boy, I want want want what you want want want, give it to me baby like boom boom boom […] Come on rude boy, boy can you get it up? Come on rude boy, boy is you big enough? Take it, take it, baby baby, take it, take it, love me, love me […] Tonight Im’ma give it to you harder, tonight I’mma turn your body out,rrelax let me do it how I wanna, buckle up Im’ma give to you stronger […] I like the way you touch me there, I like the way you pull my hair […]“

„Heut Nacht lass ich es heiss werden, heute Nacht lass ich Dich mich zum Höhepunkt bringen, heut Nacht können wir es angehen […] Magst Du es, Junge, ich will will will, was Du willst, willst willst, gibs mir Baby wie ein wummern, wummern, wummern […] Komm her ungezogener Junge, Junge kanns losgehen? Komm her ungezogener Junge, Junge bist Du gross genug? Nimm es nimm es, Baby Baby, nimm es ninm es, lieb mich, lieb mich […] Heute Nacht werde ich es Dir härter geben, heute Nacht werde ich Deinen Körper zum Äussersten treiben, entspann Dich lass es mich machen wie ich es will […] schnall Dich an ich werde es Dir härter geben […] Ich mag es, wenn Du mich dort anfasst, ich mag es wie Du an meinem Haar ziehst […]

Die Liste an Liedern mit ähnlichem Inhalt ist lang. Und sie geht weit über die bekannten Porno-Raps hinaus. Die Lieder tummeln sich in den Charts, bespielen zahlreiche Clubs. Das ist auch nicht weiter schlimm – solange man sich bewusst ist, wozu man tanz, mitträllert und mitfeiert.

Oder was meint ihr dazu?

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2 Antworten zu Oralverkehr auf der Tanzfläche

  1. Genau so siehts aus. Aber scheinbar kratzt es keinen … es gibt dann halt nur nen #aufschrei . Wenigstens die Damen hätten sich anständig benehmen können und keine Lieder mit derlei Text fabrizieren – oder heißt es bei denen dann #Feminismus und ist gut so? Tja wer weiß das schon. Ich werde jedenfalls nichts an mir ändern – ich bin auch so nicht besonders sexistisch – aber der Aufschrei hat mir gezeigt, dass ich vor allem für eine Person einstehen muss: für mich selbst. Das tut sonst niemand anderes für mich.

  2. Pingback: MAZ – und jetzt? Konsequenzen meiner Medien-Reflexion | das eigenwach bloggt

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